Interview mit Ray Manzarek, erschienen 1995 in Max

Eine psychedelische Rockband aus Venice Beach revolutionierte in den 60ern mit provokanter Show und lustvollem Sound die Musikwelt. Banker wurden zu Beatniks, Backfische praktizierten freie Liebe, das Establishment war entsetzt. 24 Jahre nach dem mysteriösen Tod von Jim Morrison wurde „An American Prayer“ neu eingespielt. Warum erzählt Organist Ray Manzarek, 56, im MAX-Interview – und wie er den legendären Doors-Frontmann erlebte.
Warum wird dieses Album gerade jetzt neu veröffentlicht?
Ray Manzarek: „An American Prayer“ gab es nie auf CD. Poetry-Readings oder Beatnik-Rezitationen, also Lesungen mit Musik, erleben in den USA derzeit ein Revival – gerade bei jungen Menschen. Wir dachten: Die Zeit ist reif für Jim Morrisons Poetry. Die Menschen kommen ja augenscheinlich immer noch nicht miteinander klar. Wir waren Hippies, hätten niemanden wegen des Glaubens getötet.
Wie war das, wieder als The Doors im Studio zu sein, um die drei neuen Tracks einzuspielen?
R.M.: Wie eine Reise in die Sixties. Jim war dabei, seine Stimme zumindest. Wir hatten mächtig Spaß.
Wie wäre damals ein neues Album promotet worden?
R.M.: Damals hätten wir in einem dreckigen Motelzimmer gesessen und uns jeden Kaffee selbst holen müssen. Es war einfach kein Geld da, erst als „Light My Fire“ vom Himmel fiel. Das war alles ganz schön funky damals. Wir waren immer pleite, aber gut drauf.
Wie wahr ist Oliver Stones Film „The Doors“?
R.M.: Ach, dieser Film. Die größte Lüge war, daß Jim ein f dauernd betrunkener Choleriker gewesen sein soll. Mr. Stone ist weder psychedelisch, noch versteht er die Philosophie einer solchen Rockband. Er wurde im Vietnamkrieg mit Tod und Haß konfrontiert, während wir versuchten, „Love & Peace“ zu leben und das Dunkel der menschlichen Seele zu erkunden.
Wie war Jim wirklich?
R.M.: Sicher war er auch verrückt und wild, aber er war
sehr poetisch, künstlerisch und sensibel. Ubrigens auch ein Grund, warum wir gerade „An American Prayer“ ausgewählt haben, Jim war ein Poet, liebte Josef von Sternbergs Filme, wie „Der Blaue Engel“ mit Marlene Dietrich, Schauspieler wie Orson Welles. Wir quatschten über Philosophie, über Kunst. Er war ein intellektueller Künstler, ein Philosoph.
Was ist mit den angeblich s echten Morrison-Tonbändern, die alle Jahre wieder irgendwo auftauchen?
R.M.: Es ist lächerlich. 90 Prozent davon sind nicht echt.
Vor einigen Jahren wurde in San Francisco eine versiegelte Metallbox mit dem Titel „One, Two, Seven, Fascination“ entdeckt. Darin waren Gedichte, die er in Paris geschrieben hatte, wirklich exzellente Sachen. Aber alles andere? Klar, es könnte ein betrunkener Jim sein, der mit Straßenmusikern singt. Aber das will ich nicht hören, weil ich genau weiß, wie gräßlich er betrunken gesungen hat.
Wie waren die letzten Tage mit Jim?
R.M.: Er war in schlechter Form, hat zuviel geraucht, zuviel getrunken, wog zuviel. Aber: Jim hat die Doors nie verlassen. Er fuhr nach Paris, um sich zu erholen. Er wollte schreiben – ein paar Songs, Gedichte und ein Buch. Über seinen Prozeß in Miami. Er wollte ihm den Titel „Observations on America while on trial for obscenity in Miami“ geben. Wir sagten: „Hau ab aus L.A., weg von all den Trinkern, weg von den Groupies, weg vom Rock’n’Roll-Star-Dasein.“ Er wußte nicht, wann er zurückkommen würde, aber wir wollten auf ihn warten. Jim grinste nur: „Mann, ich bin eher zurück, als du ahnst. Und wir machen wieder richtig Musik.“ Wir sagten: „Alles klar, bis bald.“ Das war das letzte Mal, daß ich ihn lebend sah…
Was hat der Rest der Band in der letzten Zeit getan?
R.M.: John Densmore arbeitet gerade an einem Roman
über die 60er Jahre, Robbie spielt mit seiner Band The RKO (The Robbie Krieger Organization), so einer Art Jazzrock-Trio. Ich mache ab und zu auch Musik. Zusammen mit dem Dichter Michael Mc Lure aus San Francisco. Ein enger Freund von Jim übrigens… und ein Beatnik. Er liest seine Gedichte, und ich mache Piano-Improvisatio-nen dazu – in Cafés, in Unis, überall.
Gibt es eine Gebrauchsanweisung für „An American Prayer“?
R.M.: Hört eintach hin. Zündet eine Kerze an, trinkt ein Glas Wein, raucht vielleicht einen Joint, aber kein Kokain, kein Heroin. Relaxt und denkt über den Text nach.
INTERVIEW: AREZU WEITHOLZ
DISCOGRAPHIE (Auswahl):
1968 – „The Doors“ (WEA), 1968 – „Waiting For The Sun“ (WEA),
1970 – „In ConcerT“ (WEA), 1970 – „Morrison Hotel“ (WEA), 1971 –
„LA Woman“ (WEA), 1975 – „Soft Parade“ (WEA), 1978 – „An
American Prayer“ – Jim Morrison (WEA)
