Aller Anfang ist leer. Vor dreißig Jahren eröffnete Adrian Zecha auf Phuket ein Hotel, das Luxus neu definiert hat. Ein Besuch im „Amanpuri“, dem ersten seiner Art
(erschienen im Reiseteil der FAS, 2018)

Es beginnt in der Palme rechts, dann kommt es aus der hinten links, und plötzlich erfüllt ein ohrenbetäubendes Geschnatter und Gekratze die Luft. „Um Punkt sieben hören sie auf“, brüllt mein Tischnachbar. Und in der Tat, eine halbe Stunde später, um 19 Uhr, sind die Insekten mucksmäuschenstill. Normalerweise herrscht in einem Aman-Resort Ruhe. Deswegen, und weil sie so diskret, so besonders und so anders waren, galten Aman-Häuser lange Zeit als Maß aller Dinge im Luxustourismus.
Kenner sprachen sogar von „einer Zeit vor“ und „einer Zeit nach Adrian Zecha“, dem indonesischen Unternehmer, der sich das Konzept Ende der Achtziger ausdachte: Man nehme einen abgeschiedenen Ort, am besten mit Strand oder Weitblick. Dort baut man ein Dörflein aus Villen, ein bisschen im Stil der Landesarchitektur, aber minimalistisch, zeitlos. Es muss leer wirken, selbst wenn es voll ist, es muss Reichtum ausstrahlen, ohne zu protzen, so wie in dem Diktum: „Luxus ist nicht die Anhäufung von Positiven, sondern die Abwesenheit von Negativen.“ Es gab kein Hotellogo, keine Lobby, kein Telefon, keine Fernseher, auf keinen Fall musste man etwas unterschreiben, wenn man irgendwo auf dem Gelände etwas gegessen oder getrunken hatte. Das wäre ordinär gewesen. Man hielt Adrian Zecha für wahnsinnig, doch er sagte: „Sie kommen, wenn wir es bauen.“ So war es.
Das „Amanpuri“, in dem wir uns gerade befinden, wurde 1988 eröffnet und sofort zur Legende. Ein Journalist schrieb einmal, es sei einfacher, eine Liste mit berühmten oder reichen Personen zu erstellen, die keinen Urlaub in einem Aman-Resort gemacht hätten, als eine ohne, denn von Prinzessin Diana über CEOs multinationaler Konzerne bis hin zu Brad Pitt und Angelina Jolie waren alle schon mal da.
Früh verkaufte Zecha einen Teil der Villen an seine Gäste mit dem Angebot, sie für sie zu verwalten und auch zu vermieten. Das garantierte zusätzliche Einnahmen, zum anderen hatte er gestalterisch eine freiere Hand. Denn er war einer exklusiven Minderheit verpflichtet und nicht wie andere Luxushotels den Launen einer geschmacksunsicheren Klientel. Er stellte Geschäftsführer ein, die nicht aus der Hotelbranche kamen, und er warnte davor, Gourmetauszeichnungen zu gewinnen, alles sollte stylisch, aber einfach bleiben. Heute gehören die insgesamt weltweit dreißig Aman-Häuser der sechsten Holding. Neuer Eigentümer ist der russische Geschäftsmann Vladislav Doronin, dem auch das deutsche „Interview“-Magazin gehört, einigen ist er als Exfreund von Naomi Campbell bekannt. Er erwarb 2014 die Mehrheitsbeteiligung und drängte den damals 81-jährigen Adrian Zecha aus dem Vorstand. Der hat sich inzwischen umorientiert und eröffnete 2017 das „Azerai“, es liegt in Luang Prabang in Laos und wirbt mit dem Slogan „erschwinglicher Luxus“. Manche sagen dennoch, Aman habe mit Adrian Zecha seine wahre Seele verloren.


Wir schauen aufs Meer. Wo es am Horizont grün leuchtet, fangen die Boote gerade Oktopus. Wo es weiß leuchtet, fährt ein Fischkutter. Als wir mit dem Buggy zu unserer Villa gebracht werden, weht ein seltsames Geräusch durch die schwülwarme Nachtluft. Das Öng!-Öhng! wird immer lauter, als wären kaputte Saxophone im Schilf. Es sind Ochsenfrösche.
Am nächsten Morgen: Über Nacht wurde über den für seine Schwärze berühmten gar nicht so ganz schwarzen Swimmingpool ein Podest verlegt. An einem Ende drapiert eine Dame weiße Schleier und Blumenwasserfälle an einen Baldachin. Am Beckenrand lassen zwei Kolleginnen „Seerosen“ zu Wasser, zusammengenähte Palmblätter mit gefalteten Lotusblüten. Morgen kommen die Hochzeitsplaner. Momentan tagen vierhundert von ihnen auf dem „Destination Wedding Planners Congress“ in Phuket. Ein paar Ausgewählte wurden hierher eingeladen. Das „Amanpuri“ will zeigen, wie es aussehen würde, wenn man es für seine Hochzeit bucht. Die meisten Villen eignen sich für Events, immerhin hat jede einen eigenen Koch, Butler, Chauffeur, Gärtner, eine extragroße Küche, manche haben bis zu neun Schlafzimmer, und viele den unvergleichlichen Weitblick übers Andamanische Meer. Wir steigen die Stufen hinab zum hoteleigenen Privatstrand „Surin Beach“,den sich das „Amanpuri“ mit dem Nachbarhotel teilen muss. Angeblich war Liz Taylor mal so erledigt, dass sie die Stufen nach oben nicht mehr schaffte und die Mitarbeiter ihr eine Sänfte bauten. Am Strand sind kaum Menschen.
Die von Felsen abgeschirmte Bucht sei einer der Gründe, warum Gäste immer wieder hierher zurückkehrten, selbst wenn sie mal ein Jahr im „Banyan Tree“ oder im „Six Senses“ wohnten, sagt der Schweizer Geschäftsführer Paul Linder. Er trägt als Zeichen der Trauer um den verstorbenen König Bhumibol einen Anstecker aus Strass und folgt dem thailändischen Brauch, an jedem Wochentag eine andere Farbe zu tragen. Heute ist es Lila, also Sonntag. Linder lebt seit über siebzehn Jahren in Thailand und ist weit herumgekommen. Er managte das „Shilla“ in Südkorea, das „Chiva-Som“ in Hua Hin und das „Como Shambhala“ in Ubud. Seine Karriere begann der gelernte Konditor im Private Dining bei Michel Roux, wo er für Königin Elisabeth II. Himbeersoufflés zubereitete. Wir sprechen über seine Zeit als Manager des Restaurants „Le Normandie“ in Bangkok und seine Beziehungen zur königlichen Familie.
Linder ist hier, um dem „Amanpuri“ zu neuem Glanz zu verhelfen. Zum einen kopieren inzwischen viele den Stil der Aman-Häuser und sind mitunter günstiger als hier, wo man unter 900 Euro pro Nacht nicht hinkommt. Zum anderen ist Phuket längst nicht mehr so einsam wie in den Achtzigern. Dazu kommt, dass die nichtprominenten Gäste mit ihren Smartphones irgendwann den Paparazzi mehr und mehr Arbeit abnahmen. Wer heutzutage unbeobachtet Urlaub machen will, bucht ein kleines Haus mit einem hohem Zaun.
Dennoch sei hier zwischen Weihnachten und Neujahr kein Bett zu bekommen. Besonders problematisch gestalte sich dann die Suche nach einem Parkplatz für den Privatjet am Flughafen in Phuket.
Wir sitzen im Schatten unter einem großen Sonnenschirm. Unser Geschirr sind unregelmäßig geformte Keramikskulpturen. Der Thunfisch, aus dem das Sashimi zubereitet wurde, kommt aus Japan. Das Wagyu-Filet und der schwarze Kabeljau auch, nur die Deko ist von hier, ein Miniaturgartenzaun aus geflochtenen Bonsaizweigen. Chefkoch Keiji Matoba perfektioniert hier im „Nama“ seit 2017 die sogenannte Washoku-Küche. Diese Art zu kochen ist inzwischen sogar Weltkulturerbe. Im weitesten Sinne soll jedes Gericht auf fünf Ebenen harmonieren: Geschmack, Farbe, Garmethode, Wertschätzung gegenüber den Zutaten und der zubereitenden Person. Die Bohnen sehen aus wie Weintrauben, zum Nachtisch gibt es grüne Biskuitrolle. Am Strand liegen Männer mit kugelfischhafter Silhouette. Draußen in der Bucht sind Netze gespannt – nicht wegen der Haie, die Plastiktüten sind das Problem. Bis Oktober waren in Thailand auch mehrere Meeresnationalparks in der Andamanensee für Touristen gesperrt, unter anderem, damit sich die Unterwasserwelt vom Tourismus erholen konnte. Am Nachmittag sind wir im wohnzimmergroßen Dampfbad des Spa und sprechen gleich mit Graham, der uns das neue Programm erklärt, das sie „Immersion“ nennen: Eintauchen. Will der Gast entspannen oder fitter werden, bewusster, glücklicher, reiner? Je nach Ziel erhält er einen individuellen Tagesplan, der vom Muay- Thai-Box- Training über Cranio-Sacral- Therapie, Meditation, Life- Coaching, Raw Food, Reiki oder Nichtstun alles Mögliche enthalten kann. Graham sieht ein bisschen aus wie Sky du Mont, und er spricht wie jemand mit einem leichten Jesuskomplex. Sein Fachgebiet ist Naturopathy, ein Ding aus holistischen Heilmitteln, zweifelhaften Methoden und alternativer Ernährung. Wir sprechen über fermentierte Nahrungsmittel, Heilkrisen und die Vorzüge bitterer Salatsorten. Vieles ist eine Frage der Wortwahl. Traurig heißt bei ihm überfordert, Gewichtsverlust heißt Gewichtsmanagement und Regen heißt flüssiger Sonnenschein. Der Smoothie hat die Farbe einer Bürohausfassade, schmeckt aber nach Banane und ist gut gegen Stress. Etwas später im Gym. James ist ehemaliger Tänzer und unterweist uns in der Kunst, eine Pilatesmaschine zu bedienen. Wir liegen wie kreuzlahme Frösche auf dem Rücken, aber alles klingt praktisch, ergibt Sinn, macht Spaß. Unser Muay-Thai-Box- Trainer heißt Ke. Bei ihm lernen wir etwas später die Schritte, Bewegungsabläufe, immer wieder sollen wir uns entspannen, um das Gleichgewicht zu halten, wenn wir mit einer Körperdrehung das Becken öffnen, um mit dem Knie die Pratzen zu treffen. Er arbeitet ruhig, gelassen, genau. Wir schwitzen. Am nächsten Tag: Männer in Weiß harken den Strand, gleich kommen die Hochzeitsplaner. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, es donnert, dann schüttet es wie aus Wannen. Normalerweise ist das in den Tropen ein beruhigendes Geräusch. Uns macht es traurig, denn unzählige, weiße Blüten wehen die Stufen hinab. Eilig tragen Mitarbeiter die Tischdekorationen ins Trockene. Allein für die am Pool waren Tausende von Blüten aus Bangkok eingeflogen worden. Drei Mitarbeiterinnen betrachten von oben die Bucht. Niemand wird über die Blüten lau- fen, keine Braut vor dem Baldachin stehen, und keiner rührt die exquisiten Häppchen an, die sie vor dem Regen schützen. Angeblich hasste Zecha den Monsun und baute in Phuket das „Amanpuri“, weil er einen Ort suchte, an dem es trocken blieb, wenn es bei ihm zu Hause in Indonesien schüttete. Später treffen wir die Hochzeitsplaner in einer der größten Villen auf dem Hügel. Es gibt Champagner, Loungemusik, sie schauen über die weite Bucht in den warmen Nachthimmel und wirken zufrieden. Zum Frühstück serviert unsere Privatköchin im offenen Pavillon Pfannkuchen und Früchte. Eine an- und abschwellende stehende Welle aus Zikadengeknatter weht durch den sattgrünen Garten. Sonnenstrahlen spiegeln sich im Wasser des schwarzen Pools. Alles wirkt noch immer so zeitlos wie 1988. Die Erben des ursprünglichen Architekten Ed Tuttle pflegen die Kunst der Sichtachsen, die man normalerweise aus englischen Gärten kennt. Momentan stünden vier Villen zum Verkauf, hatte uns Linder gestern erzählt. Der Preis liegt zwischen acht und 25 Millionen Dollar.
Dann werden wir abgeholt. Der unscheinbare Buddha am Eingang ist 800 Jahre alt. Daneben steht Linda aus Neuseeland. Sie kommt gerade an. Sie besucht ihre Tochter auf Phuket. Sie sei ja nicht gar so für Luxus, aber ihre Schwester liebe das „Amanpuri“ und kenne den Herrn Linder noch vom „Chiva-Som“. Deswegen wohne sie hier. Wie sie es finde, fragen wir. Wundervoll, antwortet sie. Wie es früher war, das weiß sie nicht.
AREZU WEITHOLZ

Bildquellen
- Amanpuri-Pool: Arezu Weitholz
- Amanpuri-Pool3: Arezu Weitholz
- Amanpuri-Strand: Arezu Weitholz
- Häuser und Pool im Der Strand des Amanpuri in Phuket, Thailand: Arezu Weitholz