Die Belästigung

Erschienen 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

„Endlich!“, denkt man und freut sich über das neue Anti-Belästigungs-Gesetz in Capri, das vergangene Woche verabschiedet wurde. Leute, die einen ungefragt in Restaurants locken oder ihnen Bootstouren und Ausflüge aufschwatzen wollen, sollen dort in Zukunft bis zu 500 Euro Strafe zahlen. Erst 2025 hatte eine Gemeinde am Gardasee, Torri del Benaco, ein ähnliches Gesetz verabschiedet, weil dort Touristen sogar „am Arm gepackt“ und wohingezogen worden waren. 

Doch wo endet der Lokalkolorit, wo beginnt die Belästigung? Klar definiert vom Gesetzgeber ist die Nötigung – die große Schwester der Belästigung – als „das Erzwingen einer Handlung durch Gewalt oder Drohung mit empfindlichem Übel“. Da nun eine Portion Pommes schwer als empfindliches Übel gesehen werden kann, ist eine Belästigung ihr zwar verwandt aber kleiner, handlicher. Sie ist subtiler, richtet sich gegen die Würde der Person, sie schüchtert ein. 

Das Angesprochenwerden im Urlaub ängstigt aber nicht jeden. Den einen nervt es kolossal, den anderen freut es: endlich passiert mal was. 
Für viele Reisende – mich eingeschlossen – beginnen kleine und große Belästigungen jedoch nicht erst auf einer Uferpromenade oder im offenen Quasselvollzug eines Zugabteils. Das Leid der Welt offenbart sich unmittelbar nach dem Verlassen meiner Wohnungstür. Wieso muss ich frieren? Warum muss ich warten? Wieso gucken die so böse? Warum fordert eine Lautsprecherstimme am Gate, ich möge mein Handgepäck gefälligst freiwillig rausrücken, obwohl ich Handgepäck gebucht habe?Und dann: Wieso stellt der seinen Sitz zurück? Warum tritt der hinter mir in meinen Rücken? Wieso schreit das Kind? Am Ziel: Wieso läuft vor meinem Zimmerfenster Uffzamusik? Warum beißen mich Sandflöhe? Wieso ist es hier so heiß? Eine Freundin, die Flugbegleiterin ist, erzählte neulich, dass das Kabinenpersonal so sehr unter der Flatulenz der Passagiere leide, dass Airlines inzwischen Duftstoffe in die Kabine sprühen würden. Ich berichtete von meinem letzten Flug nach Kanada, auf dem ich ständig etwas roch, meine Sitznachbarin aber nichts. Ich hatte zunächst vermutet, dass mich ein Gespenst belästigen würde, oder dass ich möglicherweise „einfach zu empfindlich“ war.  Das könne an der Lüftung liegen, wurde mir erklärt. Es sei durchaus möglich, dass zwei nebeneinander sitzende Personen unterschiedliche Dinge röchen. 

Auf dem Heimweg saß ich im Bus M29, der zwischen Westberlin und Neukölln verkehrt, und dachte über Empfindlichkeiten nach. Hinter mir unterhielten sich zwei junge Damen über diese mega coole Bar, in der man sich schöne Russian Lips spritzen lassen konnte. Ich ertrug das irgendwann nicht mehr, stand auf und stieg ein paar Haltestellen vor meinem Ziel aus. War ich nicht mehr in der Lage zu reisen, wenn ich bereits das laute Sprechen, insbesondere das Äußern von Schwachsinn, als Belästigung empfand? Wie konnte man seinen Mitmenschen erklären, dass ihre Geräusche störten, ohne als Plemplem zu gelten? Sollte ich mir einen Helm aufsetzen? Oder wenigstens in Zukunft nur noch mit Mundschutz und Noise Cancelling Kopfhörern reisen? 

„Reiß dich mal am Riemen. Wer nicht belästigt werden will, bleibt am besten im Bett“, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Und sie hat ja Recht. Denn wem nichts widerfährt, kann auch nichts Schönes passieren. 

AREZU WEITHOLZ