Adler verpflichtet

Komische Vögel gibt es überall, und hier im vielleicht schönsten kleinen Schlosshotel Schottlands landen sie noch in Frieden.

Jenseits des Bling – in einem der vielleicht schönsten Schlosshotels Schottlands können Adler noch in Frieden landen

Junger Weisskopfseeadler vor den Mauern des schottischen Schlosses Glenapp
Erst ausgewachsen wird der Kopf auch weiß

„Häark!“ Schwer landen ein paar Pfund indischer Uhu auf meinem Arm. „Kroäh“, Onion krallt die Klauen in den Lederhandschuh. Ich öffne Ring-und Mittelfinger, damit er das Hühnchenteil aus meiner Hand picken kann. „Äourg. Kräh!“ ruft er. „Jetzt dreh dich um“, sagt Dánae. Ich tue wie mir geheißen, der Uhu stößt sich ab, und mich durchfährt ein seltsamer Schwall an Glück. Was ist das denn bitte für ein schönes Geschöpf! Obwohl – das, der, die. Ist Onion eine Frau? „Er“, sagt die Falknerin. Das Geschlecht erkenne man an Größe, an Federn und letztlich an einem DNA Test, erklärt sie. „Dieses Gefühl, wenn sie landen“, stammele ich, „dieses Erhebende.“ Dánae grinst und nickt: „Ich weiß.“
Dánae Arce Rhodes stammt aus Argentinien und Onion gehört zu ihrer Truppe, so nennt sich die Gruppe an Raubvögeln, die sie für die Firma Elite Falconry in Schottland trainiert.

Indischer Uhu auf dem Rasen
Der indische Uhu heißt Onion und ist ein Jahr alt

Geschätzt von Jägern, verteufelt von manchen Tierschutzverbänden sind solche Vogelschauen nicht jedermanns Sache, schon gar nichts für Veganer, denn ohne Kükentöten läuft es nicht. In Schottland darf man Raubvögel nur mit einer Lizenz halten und trainieren – für Gäste wie mich, oder für die Jagd, oft werden sie zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt, um Tauben, Krähen oder andere Vögel zu vertreiben.

„Wäurgh“, macht Onion und landet erneut auf meinem Arm. Man will lachen, wie kann ein so schönes Tier nur so häßliche Geräusche von sich geben? Hinter uns, an den Mauern des schottischen Schlosses Glenapp, machen Schwalben Sturzflugmanöver. Onion sind sie egal. Uhus seien übrigens nicht besonders schlau oder gar weise, erklärt Dánae. Vor allem Onion sei ein bißchen schlicht, aber vielleicht gebe sich das noch. Immerhin ist er vor zwei Tagen erst ein Jahr alt geworden. Hotelgäste von Glenapp buchen private Vogel-Vorführungen aus Interesse. Manche heiraten und lassen sich den Ehering während der Zeremonie ganz märchenhaft von Onion zum Altar bringen. Andere möchten ein Hochzeitsfoto mit Adler. „Äurgh. Woärk. Wärg“, ruft Onion und versucht mit mäßigem Erfolg ein ganzes Küken zu verspeisen. Er mantelt, schützt die Beute mit beiden Flügeln.

Rotmilan
Der Rotmilan heißt Lottie
Caracara
Der Caracara heißt Anarchy – sein Name ist Programm


Im Lauf der folgenden Stunde holt Dánae andere Raubvögel aus dem Wagen und simuliert mit ihnen Szenen aus der Jagd. Da gibt es Strike, den Wüstenbussard, der sich auf eine Hasenfellatrappe stürzt, die ich an einer Schnur den Rasen hinter mir herziehe. Wüstenbussarde seien die einzigen Greifvögel, angeführt von einem Weibchen, gemeinsam jagen, die Beute teilen, sogar Küken gemeinsam aufziehen. Da gibt es das leuchtend braune Karakara-Weibchen Anarchy aus Patgonien, das wie eine hyperaufgeregte Dame auf dem Rasen herumrennt, in Platistikboxen nach Futter pickt, Flaschen umdreht, mit ihren robusten, langen Krallen im Rasen sucht. Da gibt es das grau-weiß-schwarz-braun gemusterte Rotmilanweibchen Lottie, die wegen ihrer Mauser eine lange Weile nicht trainieren konnte, und nun im Sturzflug nach der Beute schnappt, sich emporschwingt und auf einer der Zinnen des Schlosses landet. Dann sagt Dánae: „Jetzt brauchen wir einen größeren Handschuh“, und ich denke an den weißen Hai. Keine fünf Minuten später entfährt mir ein gar nicht damenhaftes „Oh, fuck“, („Alter!“) als  acht Pfund Adler auf meinem Arm landen. Sie heißt Morgane ist ein junger Seeadler und futtert ein halbes Küken aus meinem Handschuh, guckt sich um, dann breitet sie ihre zwei Meter Schwingen aus, haut mir dabei fast ins Gesicht, stößt sich ab und zieht einen weiten Bogen über das Anwesen.

Blick von den Zinnen von Glenapp ins schottische Hinterland
Und irgendwo da hinten ist Arran…

Auf dem Dach des Schlosses weht die schottische Fahne. An den Steinmauern von Glenapp ranken sich rote Glanzmispeln empor, goldener Hopfen, selbstkletternde Jungfernreben, Kletterhortensie, Klematis, Rosen. Es sieht aus wie im Märchen. Zwei Curlingsteine halten die Eingangstüren des 1870 fertig gestellten Baus offen. Man betritt die Halle, es gibt keine Rezeption, keine Bar, keine Computer, stattdessen schwere Teppiche, gold gerahmte Ölbilder, eine breite Holztreppe. Sofort beschleicht einen dieses romantisierende Downton-Abbey-Gefühl, das man nur kennt, wenn man Gast in so einem Gebäude ist, und nicht der, der die Heizkosten zahlt. Bevor Paul Szkiler und seine Frau Poppy es 2015 erwarben, war es im Besitz verschiedener Familien, darunter dem Earl von Inchcape, einem MacKay, der mit der Reederei P&O zu Vermögen kam.

Treppenaufgang Glenapp Castle
Wie im Märchen geht es schon los…
Glenapp Castle Speisesaal
Diner
Himmelbett in der Suie von Glenapp Castle
Himmelbett
Suite in Glenapp Castle
Suite

Butler huschen herum. Im Morgenzimmer stehen bestickte Raumteiler und brokatbespannte Sofas um niedrige Tische. Aus dem Fenster reicht der Blick über den weitläufigen Park auf das Meer. Glenapp ist ein handliches Hotel – es ist von der Größe her gerade so klein, dass man so tun kann, als wäre man hier zu Hause, aber nicht so imposant, dass man aus dem Rahmen fällt, wenn man dann auf einem der Sofas Platz nimmt, dabei freundlich in die Runde nickt und denkt: „Och, jetzt vielleicht ein Teechen?“ In einer Ecke sitzt en junges Pärchen, am großen Tisch eine Damenrunde. Gäste aus den USA unterhalten sich darüber, auf welchen Golfplätzen sie unbedingt mal spielen wollen: Shadow Creek und Stillwater. Rings um Glenapp gibt es drei Golfplätze. Der am nächsten liegende, nur etwa 40 Autominuten entfernte, ist Turnberry, einer von zweien in Schottland, die Donald Trump gehören. Seit Jahren versucht er, im Heimatland seiner Mutter endlich ein Masters Turnier stattfinden zu lassen, was zur Amtszeit der ehemaligen schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon noch undenkbar schien. Seit dem letzten Besuch des Präsidenten Ende Juli aber nicht mehr. Am 13. August soll nun ein dritter Platz in Aberdeenshire eröffnet werden, die „großartigsten 36 Löcher des Golf“. Die Hauptstadt des Bling“, raunt eine Schottin verächtlich der anderen zu, und das ist noch eine der harmloseren Bemerkungen, mit denen die Schotten den US Präsidenten willkommen hießen. In Glenapp steht auch eine Menge Bling herum, aber der ist alt, sogar echt alt. Die Stühle, die Tische, das Silbergeschirr sind seit Generationen in Benutzung, die Ölbilder alt, das im Dining Room zeigt den Sohn des Arktisforschers Scott. Im Raucherzimmer hängt ein Bild von Winston Churchill. Auch in den Gärten merkt man, es handelt sich hier um ein bewirtschaftetes Gut. Da parken Trecker, dort wurde ein Baum zerlegt, hier liegt Gartengerät, im Kräutergarten pflanzt Anne-Marie, eine von drei Gärtnerinnen, Kamille. Der Schnittlauch steht in dickster Blüte, die Köche werden sie von Blüte bis Stamm nutzen.
„Bist du mein malender Gast?“, fragt Allan McNally. Wir stehen vor dem Glashaus. Draußen vor dem Fenster flattert eine Blaumeise und verduftet. Der Künstler wartet auf ein Pärchen, das gleich mit ihm und Aquarellausrüstung in den Garten gehen wird. Sein Bilder hängen hier, er gibt Malkurse.

Maler neben einem Tisch mit Malutensilien
Der Künstler Allan Mac Nally wartet auf die Gäste seines Aquarell Malkurses

„Wir sind ein nahbares Haus“, sagt die Managerin Jill etwas später, als sie über den Unterschied zu anderen schottischen Schlosshotels spricht. Selbst der Schlossgeist sei in Ordnung, erfahre ich im Lauf des Tages. Elsie MacKay, Tochter des Earl of Inchcape, war in den 1920er Jahren was man heute „eine ziemliche Granate“ nennen würde: It-Girl, Schauspielerin, Pilotin, schlau, schön, mutig und im Jahr 1928 leider fest davon überzeugt, dass es eine gute Idee wäre, in einer Propellermaschine mit Gegenwind den Atlantik zu überqueren. Was schief ging. Sie und ihr einäugiger Co-Pilot verschwanden ohne je wiedergesehen zu werden. In Glenapp und Umgebung war sie so beliebt, so dass die Bewohner ihr zu Ehren den Namen Elsie mit Rhododenren in den Hang pflanzten. Heute sieht man davon natürlich nichts mehr. Dafür aber angeblich ihren Geist, gelegentlich, nachts. Sagt man.

Viele Gäste buchen das komplette Schloss für ihre Hochzeit, erzählt Jill. Sie hat Erfahrung mit solchen Events, immerhin war sie im Jahr 2000 die Managerin des Privatclubs Skibo Castle als dort Madonna und Guy Ritchie heirateten. Manche Gäste bevorzugen die Suite des Earls mit den fast sieben Meter hohen Decken und einem Himmelbett mit rotem Baldachin. Andere buchen das Downton Abbey Paket, mitsamt sieben Gang Menu und Benimm-Coaching vom Butler. Sehr beliebt sei das Paket „Sea Safari“, eine Mischung aus Schlossaufenthalt, Bootstouren zu schottischen Küstenstrichen und Eco-Luxus-Glamping auf der Insel Jura. Großfamilien oder Freunde wiederum können das komplette Dachgeschoss mit vier Schlafzimmern mieten. Kostenpunkt: 4000 Pfund pro Nacht.
Gegen halb zehn Uhr abends geht die Sonne unter. Hinter dem Ailsa Craig fährt sich der Himmel rosé. Der Felsen wird von Anwohnern auch liebevoll Paddys Halbzeit genannt, weil er auf der Hälfte der Strecke zwischen Belfast und Glasgow liegt. Heute ist Ailsa Craig ein Vogelschutzgebiet, auch für Puffins, erzählt man mir. Nur einmal im Jahr darf eine Firma dort anlanden, um jenen Granit abzubauen, aus dem Curling-Steine hergestellt werden. Langsam verschwinden die fernen Umrisse der Insel Arran im Abendhimmel.


Insel vor der Küste Schottlands
Arran (und im Vordergrund Paddys Halbzeit)

Am nächsten Morgen im Glen (Tal). Wasser plätschert. Herrlich blau leuchten die Glockenblumen in der Morgensonne. Der Waldweg führt in die kleine Schlucht. Moosbewachsene Steine, altes Laub. Insekten stehen in der Luft. Äste liegen quer über dem Weg. Zwei Katzen harren auf einem der vielen umgefallenen alten knorrigen Bäume. Eine starrt in das sprudelnde Wasser des Bachs, die andere guckt mich an. Hier gibt es viele Hasen, hatte man mir gesagt, Hirsche und Rehe. Vögel piepen. In der Tat, wie im Märchen.

AREZU WEITHOLZ

Kleinste Suite pro Nacht 395-625 GBP (je nach Saison), www.glenappcastle.com
Downton Abbey Experience: 2 Nächte mit Afternoon Tea, Diner, Edwardianische Benimm-Schule mit Butler, ab 445 pro Nacht pro Person
Sea Safari – 2 Erwachsene 15590 GBP 4 Nächte Tour, davon 2 in Glenapp  alles inkl
Elite Falconry Experience – ab 995 GBP, die Falkner und Vögel kommen zum Schloss, www.elitefalconry.com