Ein Sonntag am Meer, erschienen 2025 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Schwimmen, Surfen und Garnelensandwiches – Yamba an der Ostküste Australiens ist ein Ort wie aus einem Roman

Halb neun Uhr morgens. Die Lone Rockers gehen ins Wasser. Der älteste Schwimmer ist 83, die jüngste ist 45. Gleich werden sie sich von der Strömung ins Meer hinausziehen lassen, einmal quer durch die Bucht schwimmen und auf dem Rückweg den Lone Rock Felsen umkreisen, nach dem sie sich nennen. Vielleicht werden sie von dem Schwarm Delfinen begleitet, der seit Sonnenaufgang vor Convent Beach herumtollt. Es wäre nicht das erste Mal.
Insgesamt dreizehn Strände umgeben Yamba, das alle so aussprechen, als hätten sie ein unsichtbares Kaugummi im Mund, Jiäähmpah. Etwa anderthalb Autostunden südlich des populären Byron Bay ist das Küstenstädtchen nicht nur kleiner sondern auch ein bißchen verschlafener.
Drei Kinder sitzen nebeneinander auf einer blauen Bank und löffeln halbierte Passionsfrüchte. Vor dem Tresen des Kiosks warten Erwachsene. Viele von ihnen haben als Teenager auch mal dahinter gestanden und an den Sonntagen den Gästen Kaffee und Saft und getoastete Sandwiches verkauft. Neben meinem Hocker hockt ein Golden Retriever. Ein Mann mit Kleinkind auf dem Arm geht langsam in die Wellen. Ein Junge mit Boogie Board latscht vorbei. Hinter ihm drei Seniorinnen, ebenfalls mit Boogie Board. Zac und Claire kommen mit ihren Kindern vorbei. Ihr Restaurant Karrikin, in dem gestern Abend kein Tisch mehr zu bekommen war, steht zum Verkauf, was schade ist, weil man dort vorzüglich und modern, aber typisch australisch isst. Weiß thront der Leuchtturm auf dem Hügel über uns, dahinter die Norfolk Pines die es hier überall an der Küste gibt, und die James Cook irrtümlicherweise für geeignet hielt, daraus Masten für Schiffe zu bauen. Man möchte meinen, man ist in einem Roman von John Irving gelandet. Nur das Meer ist nicht so türkis, wie es hier alle gewohnt sind. Aus dem Clarence River strömt schon seit Monaten schmutziges wegen der übermäßig starken Regenfälle von Sedimenten reiches Wasser, das dem Meer die Farbe der Ostsee verleiht.
„Schwimmen, Surfen, Wandern und Garnelen-Sandwiches, dafür sind wir hier berühmt,“ sagt Diane etwas später. Sie ist hier aufgewachsen, erst vor ein paar Jahren in ihren Heimatort zurück gezogen. Viele Alteingesessene wohnen hier oder sind irgendwann zurückgekehrt, nach dem Studium, aus dem Ausland, um eine Familie zu gründen. Inzwischen ist der Ort von 6400 Einwohnern auf rund 8000 angewachsen, sagt sie. Auch Garry Snodgrass ist nach Jahren in der internationalen Luxushotellerie wieder hier. Früher managte er unter anderem das Soneva Gili auf den Malediven und ein Privathotel auf Fidji, heute betreibt er The Surf, das Boutique Hotel seiner Cousins. Auf der Pool-Terrasse im The Surf macht gerade eine Gruppe Yoga. In der Lounge sitzen Gäste und trinken Kaffee. In den Grünpflanzen huscht ein Blauohr Honigfresser umher und steckt seinen Schnabel in die Blüten. Garnelenfischer fahren raus aufs Meer.
1968 befand sich in diesem Gebäude noch das Café Ritz, das bald in ein Surf Motel umgebaut wurde. 2010 wurde es für knapp 2 Millionen australische Dollar verkauft und für weitere 2,8 Millionen zu einem 12 Zimmer Boutique Hotel im Stil der Sechziger Jahre ausgebaut – samt dieser Dachterrasse mit Café und kleinem Pool. „Luxushotels werden in Australien nicht besonders gut angeboten“, sagt Garry Snodgrass. „Dafür aber aber Boutiquehotels.“ Ein paar Häuser weiter befindet sich das neueste, das Il Delfino Seaside Inn, eben gerade vom Conde Nast Traveller als beste Neueröffnung des Jahres 2025 ausgezeichnet. Inhaberin Sheree Commerford ist unter anderem Stylistin, und so wirken die Zimmer des ehemaligen Appartmenthauses auch – wie aus einem mondänen Film an der Amalfiküste aus den Sechziger Jahren. Unrenoviert kosten Häuser in dieser Lage inzwischen zwischen 4 und 6 Millionen australische Dollar.
Am Nachmittag fahren wir zum Pippi Beach, benannt nach den Muscheln, die Pippi heißen, und von dort zum Spooky Beach, der so heißt, weil es da angeblich tatsächlich spukt. Unterwegs halten wir im Bay Street Local Cafe und kaufen Croissants, Kaffee, Wasser. Dann geht es weiter Richtung Angourie (ausgesprochen Ängärrih), das lange als Geheimtip galt. In den Achtzigern duldeten Surfer keine Fremden. Es soll sogar vorgekommen sein, dass Autos mit auswärtigen Kennzeichen die Reifen durchstochen wurden.
Aber ein Geheimtip ist das hier alles schon lange nicht mehr. Auch der Blaue und der Grüne Pool, große natürliche Süßwasserbecken, die beim Bohren nach Mineralien gefunden wurden, sind inzwischen als kleine Lagunen beliebtes Ausflugsziel. Am Grünen Pool kraxeln zwei Männer die Felsen empor, sie wollen da runterspringen. Und tun es auch, unter Beifall.
Etwas später halten wir am Yurangir Nationalpark, dem größten an der Küste, suchen und finden den Shelley Beach Walk. Dieser Spazierweg führt parallel zum Meer die Küste hoch. Im Lauf des Nachmittages durchwaten wir einen Strom, dessen Wasser die Teebäume braun gefärbt haben. Sehen hoch über uns die Fischadler kreisen, die Berge. Wildblumen strecken ihre roten Köpfe in die Herbstsonne. Auf dem Rückweg kommt uns ein französischer Teenager entgegen. Er will am Shelley Head campen. Zurück am Back Beach gehen Surfer durch die Dünen. Eine sagt zur anderen lakonisch: „Wenn’s läuft, läuft’s.“
Achtzig Prozent aller Australier leben am oder in der Nähe des Meeres, und von denen betrachten gefühlte hundert das Meer als Verlängerung ihres Lebensraumes. Wer da nicht schwimmt, oder wenigstens schwimmen will, ist entweder krank oder nicht ganz gar.
Zurück im Ort besuchen wir den Leuchtturm an der Mündung des Clarence Rivers. Aus der Nähe wirkt er mit seinen 18,2 Metern fast klein. Er ist ein Neubau aus dem Jahr 1955 und ersetzt den ursprünglichen Turm aus dem Jahr 1880. Das aboriginal Volk der Goorie erzählt die Geschichte der Küstenlinie folgendermaßen: Angeblich wollte ein Riesenaal aus Grafton im Hinterland zum Meer und bahnte sich einen Weg. Der Aal fand jedoch das Wasser zu salzig, drehte um und fraß sich zurück ins Land. Am frühen Abend spielt vor dem Pacific Hotel ein Junge mit einer Gitarre. Besucher sitzen drinnen, schauen aufs Meer, essen Pommes, trinken ein Bier, vertreiben die Zeit zwischen Sonntagnachmittag und Sonnenuntergang. Zur selben Zeit, etwa zehn Minuten die Ausfallstraße entlang: in der Clarence River Fishermans Co Operative wird bald geschlossen. Noch bis 18 Uhr gibt es Austern, Sandwiches, Fisch und gekochte Medium King Prawns für 35 Dollar das Kilo. Wir greifen zu und tragen unsere Einkäufe etwas später auf die Dachterrasse ins The Surf. Die Garnelen sind frisch gekocht, ungepult. Auf dem Tresen stehen bereits Zitronen, Butter, Mayonnaise. Wir pulen, schmieren, klappen zu, beißen rein und essen. „Das berühmte beste Garnelensandwich“, sagt Diane. Recht hat sie. Die Sonne geht unter. In der Ferne sehen wir die Trawler wieder hinaus fahren. „Morgen wieder schwimmen?“, fragt ein anderer Lone Rocker. Klar, nickt die Runde. Morgen wieder schwimmen. Wie jeden Tag.
AREZU WEITHOLZ
Kasten:
Yamba liegt am Pacific Highway, 3 Stunden südlich von Brisbane und 8 Stunden nördlich von Sydney, die nächsten Flughäfen sind: Ballina Byron, Coffs Harbour, Gold Coast Airport
The Surf Yamba, www.thesurfyamba.com.au, Übernachtung für 2 Nächte (Mindestaufenthalt) für 2 Erwachsene und ein Kind etwa 450 EUR
The Kiosk, Main Beach, Yamba, www.thekioskyamba.com.au
Clarence River Fishermen’s Co-Operative, 15 Yamba Road, www.crfc.com.au Täglich von 10 bis 18 Uhr, Freitags und Samstag bis 18.30 Uhr.