Reisereportage, erschienen 2025 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Eine Reise mit der Seabourn Pursuit von Ushuaia an den Zipfel des antarktischen Kontinents nach Grahamland und zurück

An den Rändern der Welt kommt man der Schöpfung so nah, dass man darüber nicht schweigen soll – aber es fehlen einem dennoch die Worte
Gewaltige Pavlovas, gezackte Sahnehaufen erheben sich vor einem Meer aus schwarz funkelndem antarktischen Meer. Wie Knochenteile von Gipsriesen schwimmen zahllose Stücke Eis im Wasser. Die Sonne wirft ihr Licht auf die weißen Anhöhen, der wolkenlose Himmel strahlt hellblau. Oben auf der Brücke zeigt einer nach Steuerbord. „Psssch“ macht es dann, und eine Fontäne sprüht hoch. Sogleich zerschneidet ein zweiter Buckelwal mit einem lauten „Pssschüüüuuoha“ die Stille des antarktischen Morgens. Zwei Schwanzflossen tauchen auf und wieder ab. Man winkt ein bisschen bedeppert zurück.

Wir befinden uns an der Küste von Grahamland, am Rand der Antarktis, dem einzigen Kontinent der Welt, auf dem nie Krieg stattgefunden hat, und der seit dem Antarktisvertrag 1959, den bis heute 58 Staaten unterzeichnet haben, ein dem Frieden und der Forschung gewidmeter Naturpark sein soll. Vierzehn Millionen Quadratkilometer Eis – das sind etwa 70 Prozent des gesamten Frischwassers der Erde – so schwer, dass sich die Erdkruste hier sanft nach unten verformt hat.
Mit Wissen wie solchem wurden die Passagiere die vergangenen Tage gefüttert – und ganz nebenbei auch mit Sushi, Keksen, Torten, Eiskrem, Köstlichem. Für die eigens für diese Region gebaute Seabourn Pursuit ist es die zweite Reise der Antarktis-Saison, die Ende Oktober beginnt und bis März dauert. „Nirgendwo sonst kommt man der Natur so nah wie hier,“ sagt Brandon Payne, der sich im Expeditionsteam allem um die Kayakausflüge kümmert. „Wir sind im Gewerbe Erwartung versus Realität.“
Da hat er bei dieser Reise Glück. Überdurchschnittlich viele „First-Timer“ sind an Bord, mehr als die Hälfte der 234 Gäste waren noch nie in der Antarktis oder mit Seabourn unterwegs, auch wenn viele, wie etwa das australische Pärchen um die Dreissig, vorher mit Youtube Videos prüften, wie es an Bord wohl aussehen würde. Für die Mehrheit ist diese Reise ein Punkt auf ihrer Bucketlist – einer Liste jener Dinge, die man noch erledigen, erleben, genießen will, bevor man den Löffel abgibt oder, wie man ebenso schön auf Englisch sagt: before you kick the bucket.

Über der Bucht Cierva Cove hängt eine kleine Wolke, in der Ferne schimmern die Berge pudrig weiß, vor uns reflektieren die Eismassen türkis, bräunlich, weiß, hellweiß. Wasser spritzt. Eben ist eine Gruppe Zügelpinguine in einem Affenzahn durch das atemberaubend klare Wasser an uns vorbegehechtet. Ihre schwarz-weißen Körper hopsen vor uns. Wir fahren im Gummiboot, auch Zodiac genannt, durch die Bucht. Und dann liegt sie da, vor uns, reglos auf einer Eisscholle. Sie sieht uns nicht, ahnt nichts von niemand. Ihr silbriges Fell schimmert in allen Tönen Grau. Die Robbenmutter schläft. Alle halten die Klappe. Jemand schneuzt. Tränentreibend unschuldig liegt dieses Geschöpf inmitten der Natur. Es ist ein purer, unkaputter Moment Leben.
Wenngleich wir wissen: Auch hier erwärmt sich das Meer. Auch hier gibt es vermehrt Rußpartikel in der Luft, Fälle von Vogelgrippe, im letzten Jahr wurde erstmals offiziell die maximale Fangquote von Krill erreicht, Russland und China stimmten gegen das Ausweisen neuer Schutzgebiete. Auch das Expeditionsteam an Bord erwähnte illegale Krillfischerei und möglicherweise nicht ganz friedliche Forschungen auf einigen Antarktis-Stationen.

Wie auch in der Arktis gelten für Mitglieder des internationalen Verbands der Reiseveranstalter (IAATO) zahlreiche freiwillige Regeln, um das fragile Ökosystem zu schonen. Wer an Land geht, darf nicht knien, nicht hocken, nichts mitbringen, nichts fallenlassen, verbannt sind Hocker, Stühle, Drohnen, und bitte nicht auf die Pinguine treten. Südlich der Zirkumpolarströmung, dem 60 Breitengrad, darf kein Schiff etwas im Meer zurücklassen, die Seabourn Pursuit kann aufgrund ihrer Aufbereitungsanlagen bis zu 30 Tage auf See verbringen, ohne recyclete Flüssigkeiten abzuleiten.

„The ice was here, the ice was there, the ice was all around“, zitiert der aus Patagonien stammende Expeditionsleiter Luqui Bernacchi Samuel Taylor Coleridges Gedicht vom alten Seemann. Wir stehen schon wieder am Bug vor der Bow Lounge, in der sich Bildschirme befinden, die Wind, Meerestiefe, Temperaturen, Echolot zeigen, und die so versteckt liegt, dass sich nicht so viele Passagiere hierher verirren, dabei ist es ist es der beste Platz um zu Beobachten. Da! Durch den Himmel flattert eine weiße Kartoffel. „Ein Tauchsturmvogel“, erklärt Vogelexpertin Kim Stevens aus Südafrika. Die schwimmen unterwasser ebenso wie Pinguine und Puffins: Sie geben mit ihren Flügeln Gas. Später wird uns Kim von den Schneesturmvögeln erzählen, die sie am Robertskollen auf dem Schelfeis studierte. Sie sind eine der wenigen hier lebenden Spezies, die die antarktische Konvergenz nie überqueren, jenen zirkumpolaren Strom zwischen dem 56 und dem 60 Breitengrad, der den kühlen südlichen Ozean vom wärmeren subantarktischen trennt, und die biologische Grenze zur Antarktis markiert.
„Brrrsch“. Wir drehen uns in Zeitlupe um die eigene Achse. Im abendlichen Schimmerlicht gleiten wir durch die unwirklich leuchtenden Eiswände der Gerlache Strait. Am nächsten Tag schneit es. Der Himmel über den Melchior Inseln ist grau, verhangen. „Welcher Tag ist heute?“, fragt ein Herr. „Es fühlt sich an als wären wir schon eine Woche weg“, sagt eine Dame aus Manchester. Kein Wunder. Hinter ihnen liegen Vorträge und Ausflüge nach Mikkelsen und Neko Harbour. Sie sahen Kolonien von Esels- Adelie- und Zügelpinguinen, Orca- und Buckelwalen. Sie sahen die Sonne gold untergehen, rosafarbene Berge im lila Licht. Einige tauchten mit dem Unterwasserboot zum antarktischen Meeresboden, andere paddelten in gelben Kayaks zwischen Eisschollen. Sie wuschen ihre Gummistiefel, hörten Vorträge, während Eisberge, auf denen Pinguine saßen, an ihren Fenstern vorbeizogen. Sie tranken Kakao mit und ohne Schuss und fügten zu den gefühlt hundert Pinguinfilmen weitere hundert hinzu.
Am Nachmittag. Eisiger Wind weht. Alle tragen Bademäntel, einige eine kleine GoPro Kamera um den Hals. Ken ist der erste. Er ist über Achtzig, und das ist sein vierter Polar Plunge, zu deutsch: Sprung ins antarktische Wasser. Er macht mit seiner Frau nun schon die dritte Reise auf der Pursuit. „Man bekommt hier verhältnismässig viel fürs Geld“, sagt er. Die Ratio sei gut, sagt er. Man würde so schön betüddelt. Immerhin kommen auf 234 Gäste 235 Mitarbeitende. Die würden hinterher getestet, etwa mit Fragen wie: „Wie viele Gäste kannst du beim Namen nennen?“, sagt er. Die Mehrheit der Passagiere stammt aus den USA und Australien, nur vier Deutsche, der jüngste Gast ist acht. Viele haben für diese Reise gespart, man sieht kaum Glitzer, höchstens mal an den Schuhen beim Abendessen. Da wäre das Ehepaar aus London, das diese Reise zur Silberhochzeit macht. Das australische Pärchen Mitte Dreissig, er ein Developer, sie eine Designerin. Ihr Onkel war Elektriker auf einer antarktischen Forschungsstation und erzählte immer davon. Die Osteopathin aus Australien, die leise zugibt, man könne mit diesem Trip hinterher so schön angeben. Manche, erzählt Hotelmanager Guy, buchen die Reise auch deswegen, weil sie hier nebenbei arbeiten können, die Starlink Verbindung sei so irre gut.
Am nächsten Tag auf Cuverville Island: Ich warte. Er rührt sich nicht. Ich komme nicht an ihm vorbei. Nicht, ohne den markierten Weg zu verlassen. Der rundliche Eselspinguin steht auf seiner Pinguinautobahn, jener Gehschneise, die wir nicht betreten dürfen. Er guckt, steckt den markant roten Schnabel in Gefieder. Quäärk, gurgel gurgel, quääärk rufen die anderen Eselspinguine. Dreissig Prozent ihrer Körpermasse können aus Fett bestehen, haben wir gelernt. Dass sie einem Partner treu sind, den sie unter tausenden am Duft erkennen. Menschen würden Pinguine lieben, weil sie ebenfalls aufrecht gehen, mutmaßte der Schriftsteller Adwin de Kluyver in seinem Buch „Niemansland“. Dieser hier geht aber heute nirgendwohin. Jetzt hebt er die Flügel, ihm ist heiß. Mir nicht. Dann steht er wieder rum und guckt. Warum auch nicht, denke ich irgendwann. Stehe ich eben auch ein bisschen rum und gucke. Im Schwarzwald ist es mit Minus 7,5 Grad kälter als die Null Grad, die wir hier haben.

Einen Tag später: Es dampft. Schwaden aus dem Meer ziehen über den schwarzen Sand von Whalers Bay. Die Bucht der hufeisenförmigen Deception Bay ist ein aktiver Vulkan, zuletzt ausgebrochen im Jahr 1970. Unsichtbar für uns liegen in der Bucht abertausende Walknochen, erzählt Jan. Der gebürtige Niederländer war zum ersten Mal als Gast mit einem russischen Eisbrecher in der Antarktis. Mit 67 machte er auf eigene Kosten die notwendigen Ausbildungen, um bei irgendeinem Expeditions-Team anheuern zu können: Zodiac Führerschein, Erste Hilfe Plus, auf See retten, an Bord Feuer löschen, vor Leuten sprechen. Mit 68 war er fertig, schickte 45 Bewerbungen an Reedereien, 7 antworteten ihm, 2 boten ihm einen Vertrag an. Wenn wir in zwei Tagen in Ushuaia wieder einlaufen, fährt er weiter, auf einem anderen Schiff. Er möchte noch nach Alaska, und die Osterinseln kennt er auch noch nicht. „Es gibt keinen schöneren Grund, erschöpft zu sein,“ sagt er über seinen neuen Beruf, und ein bisschen wirken seine Augen wie die des Seemann Hunt aus dem Buch „Die Eissphinx“ von Jules Verne: stets nach Süden gerichtet, leuchtend, glänzen wie Positionslichter.
AREZU WEITHOLZ
Bildquellen
- Mikkelsen 2025-12-04 um 4.48.54 PM: Arezu Weitholz
- Walflosse: Arezu Weitholz
- Neko- 2025-12-04 um 5.17.22 PM: Arezu Weitholz