(erschienen 2001 im Reiseteil der Süddeutschen Zeitung)

Auf der Suche nach einem eiskalten Gefühl

Geisterjagd in Schottland: Ein Leitfaden zum Umgang mit grünen Ladies, verhungerten Schatten und schlecht gelaunten Gespenstern

Mitternacht in Dalhousie Castle. Neun Gäste sitzen in der alten Bibliothek. Sie trinken Whiskey und erzählen sich was. Einige lesen. Ein großes Kaminfeuer brennt. Überall Sessel, Gobelinkissen, Sofas, im Hintergrund spielt Musik. Dudelsack-Easy Listening. Könnte die Abspannmelodie von „Highlander“ sein. Oder die von „Braveheart“.

Sie suchen Gespenster. Deswegen sind sie hier. Und deswegen haben sie auch eine Spezialkamera dabei und einen Haufen Bücher, Landkarten und für alle Fälle einen Leitfaden über den Umgang mit Gespenstern. „Man sieht sie nicht, man spürt sie nur,“ beginnt das Buch. Gut, dann wird also nach einem Gefühl gesucht. Schottland ist keine Gegend, in der die Leute abends lange aufbleiben und sich draußen aufhalten so wie in Italien oder in Griechenland. Heute war es schon gegen vier Uhr nachmittags stockfinster. Auf einmal. Als habe einer das Licht ausgeknipst. Die Tage sind kurz und die Nächte lang und dunkel. Kein Wunder, dass man sich hier so viele Gespenstergeschichten erzählt – das vertreibt die viele Zeit und die daraus resultierende Langeweile. Da ist die Rede von Feen und Elfen, von Grünen und Weißen Ladys und von „Glaistigs“, weiblichen Dämonen, die in der Nähe von Wasser wohnen. Sie kommen am häufigsten vor, doch sie werden selten gesehen, was gut ist, denn sie bringen Unglück. Es gibt weinende Waschfrauen, auch Heinzelmännchen, Warngeister, Poltergeister und die „Sluagh“, die schrecklichen Geisterhorden, weswegen man in den Highlands die Fenster nach Westen über Nacht verriegelt hält, auch heute noch.

Dalhousie Castle wurde im 13.  Jahrhundert gebaut und wie viele schottische Festen immer wieder demoliert oder umgebaut, hier schließlich zu einem Hotel mit Swimmingpool und Fitnessraum. In der großen Empfangshalle darf man rauchen. Gefrühstückt wird im ehemaligen Kerker. In den Nischen glänzen polierte Rüstungen und Schwerter. Und es zieht. Der große Esszimmersaal im Westflügel ist heute abend voller Menschen. Eine Hochzeit. Die Männer tragen Schottenröcke. Der Mann an der Garderobe einen in rot-blau-orange. „Andrew Sharp“, stellt er sich vor und erzählt dann, dass ein Ritter aus Bayern der Vorfahr der Ramsays gewesen sei, die später eben dieses zugige Gebäude errichtet haben. Und es gäbe zwei Gespenster hier, mindestens. Jetzt müsse er aber kurz mal weg, um im ersten Stock zu spielen. Er sei nämlich nicht nur für die Garderobe zuständig, sondern auch der Dudelsackspieler des örtlichen Tanzvereins.

Blick vom Turm

Lady Catherine war 16 Jahre alt, als sie sich unsterblich verliebte. Doch der Mann war nicht standesgemäß, und Catherine bekam Stubenarrest. Erst einen Tag, dann eine Woche. Und als das Schloss kurz darauf über Winter geräumt wurde, vergaß man die junge Lady in ihrem Turmzimmer. Man nahm an, sie sei durchgebrannt. Als die Bewohner nach sechs Monaten zurückkehrten, war das Mädchen natürlich längst verhungert. „Sie geht von hier“, Andrew Sharp zeigt auf den Fußboden vor der Treppe, „bis zur Kapelle. Dann dreht sie nach links und geht durch die Wand. “ Doch seitdem mit der Renovierung des alten Westflügels begonnen wurde, habe sich kein Gespenst blicken lassen. „Viel zu laut hier. “ sagt er. Von oben poltern nun noch mehr Männer in Schottenröcken die Treppe hinunter. Wäre man ein Gespenst, man würde sich in dieser Nacht auch nicht blicken lassen.

Die Mercat-Tour ist eine nächtliche Führung durch die Altstadt von Edinburgh. Als sie dort ankommen, macht gerade der letzte Pullover- und Karodeckenladen zu. Saisonende. Die Schals waren auf 13 Pfundheruntergesetzt. Ein Schnäppchen. Es ist aber auch verdammt kalt. Die ganze Altstadt sei voller Gespenster, sagt der Mann im schwarzen Cape. Er ist eigentlich Student, doch abends führt er Touristendurch die Gegend. Allein im Schloss gäbe es einen einarmigen Dudelsackspieler, einen kopflosen Trommler und den Blutfleck von David Rizzio. Der Privatsekretär von Mary Queen of Scots war seiner Chefin zu nahe gekommen und wurde deswegen abgemurkst. Sein Blut ließe sich jahrhundertelang nicht wegwischen. „Wie beim Gespenst von Canterbury?“ fragt eine amerikanische Touristin aus der Gruppe. „Ja, ja“, sagt der Student und erzählt dann, wie man genau hier, „wo wir jetzt stehen“, früher Strolche bestrafte. Das ging so: Erst wurden sie ausgepeitscht, dann mit Salz eingeschmiert, dann wieder ausgepeitscht. Danach zerquetschte man ihnen mit zwei Holzblöcken die Ohren und die Zunge. Dann den Rest des Körpers. Die Geisterjäger gehen weiter.

Er zeigt Plätze, an denen noch mehr Leute starben, die wenigsten freiwillig. 1645 etwa wurde eine ganze Gasse abgeriegelt, weil sich ein Bewohner mit der Pest angesteckt hatte. Die vielen Leichen sind vor denStadtmauern verscharrt, dort wo es heute im Park von Bruntsfield Links soviele Hügel gibt, erzählt der junge Mann. Die Gewölbe unter der South Bridge dienten früher als Versteck für brutale Mörder, Leichenräuber und, klar, auch für Gespenster. Seine blutrünstigen Geschichten sind gut, auch das Ambiente. Kerzen brennen, lila Leuchstrahler erhellen die Katakomben, es gibt sogar ein Klo hier unten,und später, kurz vor Ende der Tour erzählt er die Geschichte von Haus Nummer 17, macht mittendrin „Buh“, und alle erschrecken sich. Alle.

Am Eingang der „Witchery“, einem Restaurant in der Altstadt von Edinburgh, thront ein Adler aus Stein.Die alten Steinwände des Lokals sind mit Holzpaneelen verkleidet, die sichtlich älter sind als das Gebäude selbst. Vermutlich wurden sie irgendwann aus einer Kirche gestohlen, was nichts Besonderes wäre. In Schottland bestehen die meisten alten Häuser und Schlösser aus Versatzstücken. Die Decke istniedrig. Kerzen beleuchten das Restaurant, das nun aussieht wie eine braunrote Räuberhöhle. Gruseliger als das Ambiente sind hier aber die Preise. Ein Dessert gibt’s nicht unter zwanzig Mark. Am Nebentisch sprechen die Leute italienisch. Eine amerikanische Familie bestellt Nachtisch. Opa zahlt. Es gibt 28 Sorten Whiskey auf der Karte, Single Malts, kein Gepansche. Gut. Gedämpfte Jazzmusik im Hintergrund. In einer Ecke kniet ein Mann vor einer blonden Frau. Jetzt fängt sie an zu weinen. Ein Antrag. Kurz darauf knallt ein Champagnerkorken. Diesmal erschrickt niemand.

Glamis Castle in Angus ist das berühmteste Geisterschloss in Schottland. Hinter diesen dicken Mauern und Burgzinnen wuchs Queen Mum auf, hier wurde Prinzessin Margaret geboren, und hier gibt es die meisten Gespenster – steht in allen Gespensterbüchern. Das bekannteste war gar keins. Vielmehr handelte es sich bei dem „Monster“ um den zwölften Earl, dessen Geburt verheimlicht wurde, weil er missgebildet war und man hoffte, er würde jung sterben. Tat er aber nicht, sondern versetzte das ganze 19.  Jahrhundert über als „behaarter Riese“ ahnungslose Gäste in Angst und Schrecken. In Glamis wohnt auch der Geist von Alexander Lindsay, dem vierten Earl of Crawford, genannt „Earl Beardie“, der in einem zugemauertem Turmzimmer mit dem Teufel Karten spielte. Das Gepolter und Gebrüll der beiden sei angeblich noch heute zu hören. Mehrere Männer der Ogilvies wurden einmal in ein Gewölbe gelockt und sind dort verhungert. Auch ihr Geschrei klingt durch die Mauern. Eine Frau ohne Zunge stünde an einem Turmfenster. Die sei aber leise. Und ein junger Bursche, ein Page, säße hinter der Tür des königlichen Wohnzimmers und stelle den Besuchern ein Bein.

Die Geisterjäger haben Glück. Übermorgen schließt das Schloss über Winter für Besucher. Die Heizung wurde vermutlich schon gestern ausgeschaltet, so kalt ist es schon wieder hier. Der Führer heißt Peter. Sein Deutsch hat einen bayerisch-schottischen Akzent. Er lebte mal eine Zeitlang in Bayern, erzählt er. Das Esszimmer von Glamis ist eine pompöse Halle. In der Mitte steht eine Tafel, gedeckt für ein Bankett. Dagegen wirkt Dalhousie Castle wie ein schäbiges Motel, so prachtvoll ist es hier. Man könne den Saal auch mieten, sagt Peter. Für 1000 Pfund pro Abend. Heizung käme allerdings extra, und auch das Essen. Dann geht er in den Salon. Hier hängen Bilder von John, dem fünften Earl of Glamis, von König James, dem siebten, und König Charles, dem zweiten. Alle haben die gleiche Nase.

Mitternacht. Bald Vollmond.

Im angrenzenden Schlafzimmer steht das Bett des Königs. Es ist klein, denn die Leute haben früher im Sitzen geschlafen. Dann führt Peter in die Kapelle: Wie überall stammen auch hier die meisten Gemälde aus dem 17. Jahrhundert. Auf einem sieht man Jesus mit Hut, auf einem anderen einen Heiligen mit Nickelbrille, St. Simon. In der hinteren rechten Ecke der Kapelle zeigt er auf einen Holzstuhl. „Der bleibt immer frei. Das ist der Platz der Grauen Lady“, sagt Peter. Es würde nach Rosen duften, wenn sie in der Nähe sei. Schlechtgelaunte Geister stinken nämlich, sagt der Fachmann. Hier riecht es nach nichts. Es geht in das Wohnzimmer von Queen Mum: Zwei kleine Stühle stehen vor dem Kamin, die Lieblingsplätze von Lilibeth, der heutigen Königin Elisabeth, und Margaret.

Gespenster, sagt man, stammen aus einem anderen Universum, in dem die Temperatur genau drei Kelvin beträgt. Wie im Weltraum. Deswegen wird es kalt, wenn sie erscheinen. Doch soviele Geister passen gar nicht ins Zimmer, wie es hier schon wieder zieht. Ein kalter Luftzug kriecht plötzlich an den Beinen hoch, nur bis zum Bauchnabel, da macht er Halt. Sie filmen alles, auch King Duncans Hall, obwohl das der wohl harmloseste Platz im ganzen Schloss ist. Jahr für Jahr kommen Touristen hierher, weil sie denken, dort wurde König Duncan von Macbeth ermordet. Das aber geschah nicht in Glamis sondern auf einem Schlachtfeld bei Elgin. Macbeth wurde später ebenfalls umgebracht, von einem der drei Söhne Duncans – wie auch dessen Vater Malcolm II, der aber auch nicht in Glamis Castle hat sterben können, denn das Gebäude war 1034 noch gar nicht errichtet.

Viel Geschichte, kein Gespenst und zum Abschied sagt Peter „Servus“. Vor dem Besucherzentrum von Culloden ist es windig und seltsam still. Innendrin gibt es einen Souvenirladen, ein Kino und eine Ausstellung. Gleich eingangs sieht man zwei Figuren. Die eine stellt einen Engländer dar. Ein gemeiner, abgerissener Kerl im roten Rock, der wütend seine Zähne bleckt. Seine gemeinen Augen stehen so schräg, als wäre er zu besoffen, um geradeaus zu gucken. Ihm gegenüber steht ein Hüne. Er hält dem Bajonett des Engländers ein mächtiges Schwert entgegen. Er trägt einen Kilt und schaut mindestens genau so grimmig. So ähnlich muss sich die Schlacht von Culloden 1746 abgespielt haben. Damals ging es um die Krone von England und Schottland. Die Armee der Jakobiten unter Prinz Charles Edward Stewart bestand größtenteils aus Highlandern. Sie kämpften gegen den Hannoveraner König George, verloren jedoch die Schlacht und wurden in Stücke gehauen.

Die wenigen, die das Massaker überlebten, wurden von Regierungstruppen verfolgt und mit ihren Familien hingerichtet, ihre Besitzungen konfisziert. Das uralte Clansystem sollte ein für alle mal zerstört werden. Der Anführer der Engländer, der erst 25-jährige Duke of Cumberland, erhielt dafür später einen Orden und den Beinamen „Der Schlächter“.

Über dem Moor von Culloden weht eisiger Wind. In der Ferne sind Krähen zu hören. Zwei Standarten, eine rote und eine gelbe, markieren, wo beide Armeen einander gegenüber standen. Die Hügel sind Massengräber. Kein Singvogel würde sich jemals wieder in Culloden niederlassen, erzählen sich die Leute hier. Und in der Tat rührt sich gar nichts, nur die Krähen in der Ferne und der kalte Wind. Es ist unheimlich. Man möchte am liebsten schnell wieder weg.

Tage später kommen die Geisterjäger in den Highlands an. Es ist Mitternacht. Bald Vollmond. Blaues Licht, man sieht die Berge am Horizont, doch sonst nicht viel; es regnet. Der Wirt vom Whitebridge Hotel hatte gemeint, auf der alten Brücke könne man die Schritte einer längst verstorbenen Garnison vonSoldaten hören. Langsam aber finden sie, dass sie genug gefroren haben. Stattdessen betrachten sie die Filmaufnahmen: Steine, Straßen, Mauern, Möbel, und zwischendurch immer wieder Regen. Alle Aufnahmen aus Culloden sind unscharf. Die von Glamis eher öd. In der „Witchery“ war es zu dunkel. An einer Stelle aber stoppen sie das Band. Dalhousie Castle. Das runde Turmzimmer. Dort waren sie nur fünf Minuten gleich nach der Ankunft. Danach war es bis zu ihrer Abreise verschlossen. Die Aufnahme von dem großen Spiegel scheint merkwürdig verzerrt. Sie vergößern den Ausschnitt. Es ist ein Fleck, und er sieht aus wie ein Auge. Ein menschliches Auge. Und nur mal angenommen, das Dalhousie Gespenst ist bei Verstand, ein wirklich gutes Versteck.

„Gespenster suchen Sie?“ fragt ein rothaariges Mädchen auf einmal. Nicken und: „Ja. “ Sie wohne vier Meilen die Straße rauf, sagt sie und erzählt dann, dass sich ihr Fernseher immer wieder von allein anschaltet. „Seit einem Jahr macht er das, und immer guckt er ,Ally Mc Beal‘. Auch die Wiederholungen. “

AREZU WEITHOLZ