Madonna

(Interview anlässlich des Albums „Ray of Light, 1998, geführt in Düsseldorf für das SZ-Magazin und die Süddeutsche Zeitung)


Sie sind ja kaum wiederzuerkennen.
Madonna: Jetzt fangen Sie nicht auch noch von diesem Imagewechsel an. Die halbe Welt redet darüber. Und das nur, weil ich mir meine Haare nicht geschnitten habe.
Finden Sie sich schön?
Madonna: Wenn ich vier Tage nicht geschlafen habe, nicht. Aber dann schaue ich einfach den ganzen Tag nicht in den Spiegel, sondern meine Tochter an.
Ist sie wie sie?
Madonna: Sie ist einfach großartig. Sie tanzt andauernd.
Ist es in Ihrem Leben für irgendetwas zu spät?
Das ist ja gerade der Mist. Es gibt kein „zu spät“. Ich kann tun, was ich will. Immer.
Auch rebellieren?
Madonna: Ich muß da mal ein Mißverständnis aufklären: Ich war niemals ein Rebell, jedenfalls nicht im konventionellen Sinne. Ich bin niemals losgezogen, wollte meine Eltern und andere Autoritäten umstürzen oder nahm Dorgen. Was ich mit sechzehn begann, war etwas ganz anderes: Ich wollte schon in der Schule immer besser sein als nur gut.
Das klingt fast, als seinen Sie bloß eine Streberin.
Madonna: Vielleicht. Ich komme aus einer sehr langweiligen Umgebung, wo niemals etwas wirklich Großartiges passiert. Ich wollte alles sein. Alles, nur nicht Teil des langweiligen Mittelstandes, aus dem ich komme.
Das haben Sie längst geschafft: Sie sind seit 15 Jahren erfolgreich im Musikgeschäft, haben nahezu 140 Millionen Platten verkauft und mehr noch, Sie sind eine der berühmtesten Personen der Popkultur, vielleicht der bekannteste weibliche Weltstar unserer Zeit. Was bleibt denn da noch übrig?
Madonna: Eine ganze Menge: Ich will noch ein Baby. Ich will nach Indien. Ich will lernen, wie man malt. Ich will mehrere Wochen in Paris sein und in Museen gehen. Ich will mehr Filme drehen. Ich will mehr Schreiben… es gibt so viele Dinge. Ich fühle mich im Moment, als hätte ich nur ein winziges bißchen von dem erreicht, was noch kommt.
Viele Frauen sehen das anders: Für die waren Sie in den Achtzigern ein Befreiungsschlag. So wie es die Spice Girls heute nachmachen wollen.
Madonna: Mag sein. Und vielleicht habe ich vielen Frauen auch sehr geholfen. Aber in erster Linie wohl mir selber.
Die Emanzipation war Ihnen mit anderen Worten immer egal?
Madonna: Ich habe nicht darüber nachgedacht. Und damals schon gar nicht. Ich habe niemals ernsthaft geglaubt, ich sei die Anführerin. Oder ich würde jetzt alle Frauen befreien. Ich kümmere mich nicht um Geschlechter.
Müssen Sie noch etwas beweisen?
Madonna: Nein. Nicht mehr.
Bei all Ihrem Erfolg, haben Sie sich niemals gefragt: Warum ausgerechnet ich?
Madonna: Oft sogar. Manchmal schlüpfe ich aus meinem Körper und denke: Warum bin ich ich? Warum denke ich die Gedanken, die ich denke? Warum bin ich überhaupt hier, jetzt gerade in diesem Moment? Das ist, als wärst Du ein Zeuge seiner selbst. Das einzige, was man in solchen Momenten tun kann, ist weitermachen, weitergehen. Zuhören, schauen, so bewußt wie möglich, alles absorbieren, weitergehen, wachsen und niemals stehen bleiben.
Und deswegen auch die langen Haare?
Madonna: Was haben Sie denn mit meinen Haaren?
Sie wachsen.
Madonna: Wäre es nicht langweilig, wenn ich immer gleich aussehen würde? Wer würde sich etwas aus mir machen? Wer würde mir zuhören? Wen würde Madonna dann interessieren?
Menschen, denen sie immer ein Vorbild waren.
Madonna: Finden Sie wirklich, ich bin so ein Vorbild? Manchmal hatten die Leute ziemliche Angst vor mir. Oder sie fanden mich einfach nur blöd. Andere haben mich vergöttert. Ich habe keine Kontrolle darüber. Die Öffenlichkeit kennt bei weitem nicht soviel von mir wie sie denkt, sie würde etwas über Madonna wissen. Die meisten haben ihr Urteil gebildet, indem sie Dinge über mich lasen. Du kannst mich nicht kennen, wenn du nicht Zeit mit mir verbringt und mein Freund wirst.
Das heißt, Sie haben Ihren alten Ruhm inzwischen so richtig satt?
Madonna: Und ob. Ich habe das früher nur niemandem erzählt. Aber genervt hat es schon immer. Es wäre so schön, endlich mal wieder ein paar Risiken eingehen zu können. Dieser Druck, der nervt.
Wie bedauerlich.
Madonna: Ja. Letzte Woche war ich noch Paris und wollte einkaufen gehen. Nur liefen mir leider die ganze Zeit etwa fünfhundert Leute hinterher.
Sie haben doch viele berühmte Freunde. Ist da niemand, von dem sie sich etwas abschauen könnten?
Madonna: Nein. Da gibt es keinen einzigen. Meine Art von Ruhm ist hart. Normalerweise zerstört es einen. Es ist hart, immer wieder produktiv zu sein und dabei so sichtbar.
Und warum haben sie überlebt?
Madonna: Vielleicht ist es eine Kombination aus vielen Dingen. Es ist mein Schicksal. Ich habe einen sehr starken Willen. Ich habe einen ausgeprägten Sinn fürs Überleben. Ich habe mich niemals auf jemanden verlassen in meinem ganzen Leben. Ich bin immer unabhängig geblieben. Und ich habe alles imer hinterfragt. Ich habe niemals den Erfolg for granted genommen. Und weil ich die ganze Zeit so beobachtet wurde, bin ich vielleicht auch recht bescheiden geblieben im Privaten. Weil ich von Anfang an immer kritisiert worden bin. Von allen, für alles. Ich habe einen sehr ausgeprägten Sinn fürs Überleben, egal in welcher Situation. Und ich habe mich niemals in meinem ganzen Leben auf jemanden verlasssen.
Das klingt furchtbar traurig.
Madonna: Ist es aber nicht. Ich konnte nie stillsitzen, das war mein größtes Problem. Inzwischen habe ich habe viele stille, schöne Momente in meinem Privatleben. Da liege ich rum, lese Magazine, gucke mir Filme an oder spiele einfach nur mit meiner Tochter.
Sie hören sich an, wie eine ganz normale Frau.
Madonna: Klar, bin ich ja auch. Daran hat nur kaum jemand in den letzten Jahren gedacht außer mir. Ich habe nie vergessen, daß ich eine normale Person bin. Ich dachte immer: Das, was da draußen passiert, wird brutal überschätzt. Die größte Herausforderung für mich ist es aufrichtig, offen und ehrlich zu sein.
Dieses Jahr werden Sie 40 Jahre alt. Können Sie sich vorstellen, noch fünfzehn weitere Jahre weiterzumachen?
Madonna: Klar, warum denn nicht? Marlene Dietrich hat auch noch gesungen als sie sechzig war. Und sie war traumhaft schön auf der Bühne. Bis zum Schluss.
INTERVIEW: AREZU WEITHOLZ