Indian Pacific

So macht Sitzenbleiben Spaß: Auf der längsten Zugreise Australiens fährt man mit dem Indian Pacific einmal quer durch den Kontinent.
(erschienen 2025 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Reise)

Blick aus dem Zug Indian Pacific

Es ächzt. Es knackt. Abrupt. Dann Stillstand. Nein, doch nicht – wir bewegen uns. Langsam schiebt sich der Zug nach vorn, dumpf stöhnt Metall, dann erneut ein Ruck und Ruhe. Die Klimaanlage rauscht unterdessen ganz leise weiter. Es ist Sonntag, 4.30 Uhr morgens. Wir sind in Kalgoorlie angekommen, der ersten Station auf der Reise mit dem Indian Pacific, die uns 4352 Kilometer von Perth am Indischen Ozean über Adelaide bis nach Sydney an den Pazifik führt. Neben meinem Ohr hustet jemand, in der Kabine hinter dem Bad gähnt einer, im Gang fällt krachend eine Tür zu.
„Es ist immer die erste Nacht, in der man unruhig schläft, auch für uns“, lächelt Barista Matthew etwas später und reicht einen perfekten Caffè Crema über den Loungetresen. Dies ist seine achte Tour. Er ist seit Januar dabei und einer der 38 Mitarbeiter, die sich um die 189 Gäste an Bord kümmern. „Viele vergessen irgendwann, dass sie in einem Zug sind“, ergänzt der Abteilmanager, der praktischerweise ebenfalls Matthew heißt. Sie alle arbeiten zehn bis 13 Stunden pro Schicht, mit kleinen Pausen zwischendrin. Die meisten wohnen in Adelaide.
Gegen sechs rollt der erste Bus vom Bahnhofsparkplatz in Kalgoorlie. Die Reise mit dem Indian Pacific ist wie eine Kreuzfahrt, nur auf Schienen, und so gibt es natürlich auch Ausflüge. Wir werden Minen, verlassene Dörfern und ein Weingut besuchen, und kurz vor Sydney halten wir nahe den Blue Mountains. Heute Nacht soll es auf freier Strecke ein Lagerfeuer unter Sternen geben.
Jetzt aber fahren Busse die Passagiere zum Super Pit, einer der größten Goldminen Australiens, aus der noch immer acht Prozent der australischen Goldproduktion stammen, pro Woche sind das etwa 250 Kilo Gold (9000 Unzen) – momentaner Materialwert: 32 Millionen Euro. Eine Stunde später stehen wir am Rand eines gewaltigen Lochs im Bodens.
Der Krater ist 3,5 Kilometer lang und 1,5 Kilometer breit. In 600 Meter Tiefe rollen prähisto-rische Käfer aus Metall. Es sind 2600 PS starke Laster, beladen mit Erdreich. In je- dem zehnten befindet sich Gold, aber keine Nuggets, sondern Staub, erklärt Busfahrer Alan. Auf die Frage, ob die Ältesten der Aborigines das Loch gesegnet haben, erwidert er ein bisschen schmallippig: „Das kannst du selbst googeln.“ Die Mitreisenden drehen sich weg. Falsche Frage. Obwohl es in Australien inzwischen überall – in E-Mail-Signaturen, an Hauswänden, bei Zeremonien, bei Ansprachen – selbstverständlich ist, anzuerkennen, dass man sich auf dem Land der Ureinwohner befindet, bleibt die Ausbeutung der Erde ein heikles Thema.
12.00 Uhr. Der Zug rollt weiter. Blöderweise fährt mein Abteil rückwärts. Das wird sich in Adelaide ändern, wenn das Personal wechselt und die Lokomotiven am 665 Meter langen Zug getauscht werden und somit auch die Fahrtrichtung der Waggons. Es ist ein seltsames Gefühl, sitzend rückwärts durch die Weltgeschichte gezogen zu werden. Man erfasst die Wirklichkeit, indem man sie hinter sich lässt. Eine nicht enden wollende Tapete aus Salzbüschen und staubiger Erde, dazu erklingt ein filmreifes Tucketucke, Klapper, Knirsch, Ächz, Tucketucke, Klapper. Wir fahren durch die Nullarbor-Ebene, die ihren Namen zu Recht trägt: Nulla und Arbor be
deuten salopp übersetzt nix und Baum. Anderthalbmal so groß wie England ist diese Fläche, und etwa 1200 Kilometer breit. Aus dem Nirgendwo erheben sich zwei Keilschwanzadler, die Wappentiere des Indian Pacific. „Bitte stellen Sie Ihre Uhren auf 13.30 Uhr vor“, sagt eine Stimme über Bordlautsprecher. Der Hinweis hilft, immerhin durchqueren wir nicht nur insgesamt zwei Zeitzonen, sondern haben auch wie jetzt die meiste Zeit keinen Handyempfang.
Wer vor der Reise an „Mord im Orient Express“ nur ohne Mord gedacht hat, wird nicht enttäuscht. Die 28 Waggons und darin befindlichen Kabinen sind herrlich altmodisch: honigbraunfarben lackiertes Holz. Messingarmaturen, ein gemütliches Sofa, das sich nachts zu einem bequemen Bett ausklappen lässt. Die winzige Dusche und Toilette sind schlicht, modern. Nur für Zweimetermenschen oder Leute, die nicht gern aufräumen, ist so eine Reise nix. Der Kleiderschrank ist ein Vorschlag. Beim Aufstehen habe man gern mal den Fuß oder den Ellenbogen des Partners im Gesicht, erzählte vorhin jemand beim Mittagessen. Und Gegenverkehr auf dem Gang funktioniert nur zwischen zwei sehr schlanken Personen, die sich echt gut kennen. Vor dem Fenster Erde. Salzbüsche. Und noch mehr Salzbüsche. Wilde Ka-mele laufen hier angeblich herum. Doch da ist nur Land. Plötzlich, da! Drei dunkelbraune Kühe. Eine liegt. Und wieder Land. Rostrot. Grüngrau. Obendrüber der Himmel, eine weite Fläche, milch- weißgrau. Irgendwann wird der Zug lang- samer. Wieder klingt er wie ein morscher Transformer. Es knarscht, knurkknirkark. Rülps, ruckel, ruckruck, seufz, pfhhh, knacknack, pschpsch.
Rostige Schienen liegen neben dem Gleis. Es ist 16 Uhr, und wir halten in Rawlinna, um Post abzuwerfen. Wie auch die Hurtigruten-Postschiffe transportiert der Indian Pacific Post und Fracht in entlegene Gemeinden.
In der Lounge trinken ein paar Gäste Cocktails. Hier gibt es WLAN. Sie schauen aus dem Fenster, plaudern. Weiter geht’s. Draußen wird es grau, hellbraun, gelegentlich gibt es Pfützen. Bald sehen wir Masten, ein Überlandkabel. Wo das wohl herkommt? Wohin das wohl führt? Das jetzige Streckenstück ist mit 478 Kilometern die längste Geradeaus-Zugfahr- strecke der Welt, angeblich kann man sie aus dem Weltraum sehen. Um 17.33 Uhr halten wir in Forrest. Zwei Schwalben fliegen Manöver um den Zug herum. Ein Mann filmt unseren Zug. Leute stehen vor einem weißen Pick-up und winken uns zum Abschied hinterher, als wären wir die Verdammten aus Mad Max, unterwegs zur Donnerkuppel.
Und weiter, über Staub und Erde. Hinter dem Horizont reicht der Wolkenhimmel ins Unendliche. Das Sonnenlicht schwindet. Man erkennt, wie weit das Land reicht, indem man dem Himmel hinterherschaut.
Gegen 23 Uhr stehen wir am Lagerfeuer nahe der Station Cook, einer ehemaligen, heute fast verlassenen Minensiedlung. Marian und John aus Neuseeland trinken Baileys auf Eis, jemand erklärt die Sterne. Es wäre ein magischer Moment, hier mitten im Outback, wären da nicht die 188 anderen Gäste. Ken aus Sydney fragt mich nach einem Rezept für Sauerkraut. Wir sprechen über Weißwurst, seine Reisen, und darüber, wie freundlich die Menschen überall seien. Und über die Murrawijinie-Höhlen südlich von uns. Die gesamte Gegend sei wie ein Schwamm von unterirdischen Höhlen durchlöchert, was den Bau von Windrädern erschwere, hier, in dieser Gegend aus nix und Baum.
Montagfrüh. Der Zug rollt an einer Tankstelle vorbei. Wir sind etwa auf halber Strecke. Das Land wellt sich. Kurz nach neun: erste Bäume. Ein Feld aus Sonnenkollektoren. Berge tauchen wie blassbraune Wale am Horizont auf. Ein Känguru hopst erschrocken ins Hinter- land. Stunde um Stunde geht das so weiter. Und dann kommt er, dieser Moment, auf den man bei einer solchen Reise auch wartet: Die Augen werden müde und gleichzeitig wach. Man denkt nicht mehr, „das habe ich doch schon mal gesehen“. Alles ist braun, grau, blau. Vereinzelt Bäume, Büsche, dann wieder Bäume, rote Erde, beigefarbene Steine.
Zur Mittagszeit geleitet Matthew die Gäste in Vierergruppen an ihre mit weißem Tischtuch gedeckten Tische ins Restaurant. Viele Passagiere loben das Team, das die verschiedenen Gänge in großer Vielfalt pünktlich serviert. Auf der anderen Seite haben sie auch genug Zeit gehabt, an der Logistik zu feilen. Immerhin fährt der Zug seit 1970 dieselbe Strecke hin und her, und her und hin. Die Salzbüsche da draußen wirken nun grau und ungekämmt. Dem Gebiet mangelt es an Feuchtigkeit, es ist plötzlich ein kratziges Land mit weiter Ferne, in dem einem die Berge Nähe vorgaukeln. In der Lounge bestellt die Hälfte der Gäste australischen Wein. Sie reden über Vulkane. Möbel. Getränke. Autos. Wo man als Nächstes hinfährt. Wie schön alles ist, sagt Sid, der so lässig aussieht wie Johnny Rotten. Er macht die Tour mit seiner Frau gleich zweimal, erst von Sydney nach Perth und nun zurück nach Sydney. Rund 22.000 Dollar habe ihn das gekostet. Die Ausflüge kämen naturgemäß doppelt vor. Und der Weg zurück sei holpriger, fühle sich jedenfalls so an.
Die Stimmung in der Lounge ist freundlich, nirgendwo Meckern, Empören oder das Erwarten einer Katastrophe. Es ist eher ein Staunen, ein Sich- Freuen, das sich bei den Leuten breit- macht: bei Marian und John, beide Mitte siebzig, die sich diese Reise schenken, weil es mit der Mittelmeerkreuzfahrt aus gesundheitlichen Gründen nicht klappte. Bei der siebzigjährigen Sue aus Perth, die ihre Schwester in Sydney besuchen, aber nicht fliegen wollte. Kurz vor dem Mittagessen fahren wir an Herden von Schafen vorbei.
Ein Musiker baut seine Anlage auf. Als wir in Port Augusta in den Güterbahnhof einfahren, singen alle laut den Refrain: „Give me a home among the gum tree“, auch die Nichtaustralier. 16 Uhr. Der Zug wird gewartet, alle müssen raus. Mit Bussen geht es von Long Plains zum Weingut Seppelt, berühmt für 100 Jahre alten Portwein und gegründet 1851 vom deutschen Auswanderer Joseph Seppelt. Gegen 21 Uhr sitzen die Passagiere an langen Bänken, haben geräucher- tes Popcorn und die vielen Sorten Wein probiert, haben Grillfleisch gegessen, ge- sehen, wie man Fässer räuchert, und sind vielleicht Teil einer Polonaise geworden, die singend zu „Sweet Caroline“ um die Biertische tanzt. Wem die Musikantenstadl-Atmosphäre nicht gefällt, hat Pech gehabt, der Bus fährt erst in anderthalb Stunden wieder zurück zum Zug. Schnell muss dann die Nacht vergehen. Frühstück gibt es morgen früh um sechs, bevor wir erneut in Broken Hill halten.
Dienstag, 7 Uhr. Endlich vorwärts fahren. Rote Erde. Staub. Da stehen Ziegen. Da gucken Kängurus. Da ist ein Kollektorfeld, eine Müllhalde. Knirschend hält mein Waggon vor einem grünen Container. Hier, in der Gegend um Broken Hill, wurde der Film Mad Max 2 gedreht, und es gibt auch ein Mad Max Museum im Ort. Das hat heute aber leider zu. Dafür geht es mit Bussen über Land, und eine Stunde später stehen wir in finsterster Dunkelheit tief unter der Erde. Der ehemalige Minenarbeiter Jeff ist um die achtzig. Er erzählt, wie hier in der Day Dream Mine früher Kinder per Hand nach Silber geschürft haben. Wir tragen Helme mit Lampen, hören zu. Später sitzen wir in einem windumwehten Café, essen Scones, Cream und Marmelade, und man hat zum ersten Mal das Gefühl, wirklich draußen zu sein, weit, weit weg.
Am Nachmittag fahren wir mit dem gemütlichen Tuckeltuckeltuckel weiter über das rote Land nach New South Wales. Im Zug ist es 14.25 Uhr, draußen eine halbe Stunde später. Eine Pipeline läuft neben uns her. Wir sehen wilde Ziegen. Das Land wird hügelig. Staubt. Es leuchtet grau. Zögerlich wird es grüner. Wir fahren durch den Nombinnie Nationalpark. Ein Straße, ein Erdloch. Mehr Bäume und noch mehr Ziegen. Herden von Emus rücken vor uns aus, hinterlassen rote Staubwolken, sie sind vom vorderen Zugteil aufgeschreckt worden. Wir am Ende des Zuges sehen nur ihre Hintern. Gegen 16 Uhr sind da mehr Bäume als Büsche.
Mehr Kängurus. Aber man selber guckt schon gar nicht mehr hin, denkt:„ Ja, klar, Känguru“, so wie man in Schleswig-Holstein aus dem Regionalexpress schauen und denken würde: „Ja, klar: Kuh.“
Mittwoch. Nach dem letzten Mal Abendessen und Uhrenumstellen erwachen die Passagiere aus einem ruckeligen Schlaf. Der Zug fährt auf den alten Kohleschienen. Gegen acht Uhr verlassen die meisten den Indian Pacific und machen eine letzte Exkursion in die Blue Mountains. Sie werden wandern, High Tea zu sich nehmen und später mit einem anderen Zug nach Sydney einfahren. Wir hingegen, insgesamt dreizehn Personen, wollen den Indian Pacific nicht verlassen und treffen uns in der Lounge. Man müsse im Alter was zu tun haben, sagt eine Dame, die gemeinnützige Arbeit macht. Genau, man bräuchte was zu tun, echot jemand anders. Nein, sagt Marian: „Ich finde, die Rente ist dazu da, dass man auch Rentner ist.“
Vor den Fenstern tauchen die ersten Gebäude des Speckgürtels von Sydney auf. Parkplätze, Autoscheiben funkeln im Sonnenlicht. So viel Beton. So viel Stein. Die Welt wird eckiger. Die Augen sehen Schilder, Steine, Wände, Zäune. Die Rechtecke übernehmen. Graue Häuserdächer, zwischendrin eine Palme, weiße Wolkentürme. Mehr Metall ist in der Welt. Kurz vor dem Hauptbahnhof müssen wir ein letztes Mal halten. Der Zug ist mit seinen 665 Metern zu lang, er muss geteilt werden. Und dann ziehen zwei Lokomotiven die beiden Zugteile in den Bahnhof nach Sydney ein. Es quietscht, rumpelt, ruckelt. 12.01 Uhr, Gleis drei. Kniiargh, kröng, rumpf, pfhhhh. Man will gar nicht aussteigen.      

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