Im kanadischen North Seal in Manitoba ist man noch allein mit Adlern, Bären, Wölfen, Karibus und Fischen – auf fast zwanzigtausend Quadratkilometern unberührter Natur

Kein Elch“, sagt Singadore. Wir stehen auf dem Kamm eines Eskers. So nennt man hier die Sanddünen, die vor Tausenden von Jahren von Gletschern gebildet wurden. Es nieselt. Wir blicken in eine endlose Weite aus Wasser, bewachsenen Eskern und noch mehr Wasser. „Das ist mein Land“, sagt der Cree, wie um uns daran zu erinnern, dass die First Nations, wie es der Name schon sagt, als Erste hier oben waren.

Waldläufer Singadore

Sie nennen diese Gegend „Land of the little sticks“, weil die Bäume hier oben hart und dünn wie Stöckchen sind. Auf dem Hinweg flogen wir stundenlang über diese Weite, sahen flirrendes Sonnenlicht auf dem Wasser, braune Erde mit fahlgrünen Büschen und Bäumen, aber keinen Menschen, kein Haus, keine Spur von Zivilisation. Die Erde schien zerlöchert wie ein Stück Stoff von Motten, und manchmal lagen da weiße Stöckchen auf schwarzem Grund, als hätte ein Riese ein Paket Zahnstocher verloren. 

Wer hierher will, muss fliegen, es gibt keine Straßen. Im Winter, wenn es minus vierzig, fünfzig Grad kalt wird, wandern hier außer den Tieren nur die Cree, denn dies ist ihr Jagdland: Sie benutzen die Esker als Aussichtsplattform, Lagerplatz und Weg in den Norden. 

Das North Seal (unten einer der langen Esker)

Singadore stapft voran. „Bushwhacking“ heißt das hier in Kanada, wenn man sich mit allen Gliedmaßen ei-nen Weg durch die Natur bahnt. Wir steigen über Äste, klettern über abgeknickte Bäume, sinken ins Moos. Blutrünstige Mücken summen. Auf der nächsten Kuppe bleibt Singadore vor umgeknickten Bäumen stehen. „Bärenpfad“, sagt er und geht weiter. Wir blicken einander fragend an und bushwhacken hinter ihm her. Es geht bergan, der Grund wird sandig, das Geäst dichter, die Luft schwer, würzig, dicht von Feuchtigkeit und Insekten, vom Aroma des Labrador-Tees und der Beeren. Wir bleiben wieder stehen, dieses Mal an einem Abhang. „Wolfsbau“, sagt Singadore. „Hier?“, fragen wir. Er nickt. 

Singadore ist Anfang sechzig und ein Waldläufer, wenn man so will. Er läuft eigentlich dauernd, sagt er. Morgens, mittags, abends. Wird es dunkel, hält er an und macht Feuer, doch momentan braucht er das nicht, die Aurora borealis leuchtet jede Nacht. Wenn er nicht läuft, arbeitet er für Ken Gangler, dem die Lodge gehört, in der wir wohnen. 

Die Lodge aus der Luft
Wolfshalle mit Bär
Wolfshalle mit Wolf

Abends drehen sich unter dem hohen Dach Ventilatoren. Ein ausgestopfter Polarfuchs schaut zum Fenster. Ein etwa zwei Meter hoher Braunbär steht neben einem Sofa. Ein Wolf schleicht sich an die Küchentür. Fischtrophäen zieren die Holzwände der großen Haupthalle. Ken Gangler baute diese Lodge 1975 als „Outfitting-Camp“, als Angler- und Jagdhütte, gemeinsam mit seinem Vater. Sie bestanden darauf, mindestens 20 000 Quadratkilometer Land dazuzupachten, fast so groß wie die halbe Schweiz. Warum so viel? „Sportfischerei und Kommerzfischerei vertragen sich nicht. Man braucht eine bestimmte Menge an Fläche, damit die Jagd die Natur nicht ruiniert“, sagt Gangler, ein ruhiger, aufmerksamer Mann Mitte sechzig. Neben dem wildschweingroßen Kamin hängen seine alten E-Gitarren an der Wand, er war mal ein guter Gitarrist, spielte in Bands, auch für die Metalband Ministry, „als sie noch klangen wie Duran Duran“. Warum er die Gitarre an den Nagel hängte? „Das einzige, was ich damals ebenso liebte wie die Musik, war die Natur.“

Blick auf den Egenolf See
Auf einem der Esker

Er spricht leise, hört zu, beobachtet genau, faltet beim Reden die Hände vor dem Bauch. Wir sprechen über die Anfänge, wie er mit seinem Vater die ersten Häuser baute, über die Liebe der Gäste für den Angelsport. Auch über die Nach- und Vorteile der „Catch & Release“-Praxis: Wirft ein Angler die gefangenen Fische wieder ins Wasser, bleibt die Population gesund, denn ältere Fische produzieren mehr und bessere Eier. Aber wenn ein Angler an einem Tag vierhundert Fische aus dem Wasser zieht, hatten diese vierhundert Fische auch immer einen Haken im Maul. Tierschützer sagen, das ist Quälerei. 

Release nach dem Catch

Der Schwerpunkt der Lodge soll sich nun ändern: Weg von der Trophäenjagd, hin zum Ökotourismus. Zu Wildnis und Abenteuer, mit Vorträgen, Wandertouren, kajaken, Kanu fahren, Aurorafotografie oder einfach nur rammdösig in die Gegend starren. „Das hier ist Bucket- List-Zeug“, sagt Gangler. „Viele haben irgendwann Gesundheitsprobleme. Die können gar nicht jeden Tag auf die Jagd, wollen aber Natur erleben.“ Zudem gibt es hier oben jene legendäre Einsamkeit, die viele Kanadareisende im Yukon heutzutage vergeblich suchen. 

Adlerjunges wartet aufs Fliegen
Die Fische in diesem Fluss haben noch nie einen Angelhaken gesehen, und in Zukunft soll das auch so bleiben
Autorin mit Lagerfeuer (fürs Mittagessen)
Shore Lunch – Mittagessen
und hier kocht Labradortee

Es gibt nur ein Problem, hier im Norden auf 58 Grad Breite: Jede Tasse, jeder Vorhang, jeder Pingpongball, jedes Ei muss eingeflogen werden. Das ist teuer und nicht gerade „öko“. Ein Vermögen hat er bisher in diese Balken gesteckt. Neulich schätzte jemand die Lodge mit den 117 Booten und den verschiedenen Außenposten auf sieben Millionen Dollar. Von der Eisstraße, die nötig war, um die Bagger herzubringen, bis hin zur Flugzeuglandebahn, die allein eine Million Dollar gekostet hat, musste Gangler alles erst bauen. 

Im Vergleich zu anderen Game-Fishing-Lodges ist Ganglers luxuriös, doch es gibt kein Superspa mit Marmor und Wellness-Musik. Komfort definiert sich so weit nördlich anders. Morgens um sechs steht bereits eine Kanne frischer Kaffee im Wohnzimmer. Die rustikalen Hütten sind moskitodicht und haben eine traumhafte Aussicht auf den See. Am nördlichsten Außenposten, nah am 60. Breitengrad, soll es in diesem Jahr holzbefeuerte Wannen unter freiem Himmel geben. Und: Man teilt sich das Areal mit höchstens 63 anderen Personen (ausgenommen Bären und 45 Mitarbeiter). 500 Gäste kommen pro Jahr, und die Saison ist kurz. Sie beginnt am 1. Juni und endet im September. 

Dr. B hält einen Schädel
Wolfstatzen (zum Größenvergleich ein Feuerzeug)

Tags drauf. Das Weiße sind Wolfsköttel, die schwarzen stammen von Füchsen und die runden von Elchen, erklärt uns Brian Kotak, genannt Dr. B, der Wissenschaftler der Lodge. Wir laufen vornübergebeugt durch die Gegend und suchen alte Pfeilspitzen. Finden wir so ein winziges Dreieck aus weißem Quarz, markiert Dr. B die Stelle mit einem GPS-Gerät und legt es dann wieder zurück. Alles soll bleiben, wie es war. Immerhin laufen wir über Land, das vor uns noch nie ein Mensch betreten hat. 

Wir lernen: Elchkühe zertrampeln frische, junge Birkenhaine, damit ihre Kälber die umgeknickten Äste erreichen. Umgedrehte Steine bedeuten, ein Bär hat nach Larven und Ameisen gesucht. Karibus fressen beim Laufen, Elche im Stehen. Über dem See kreist ein Weißkopfseeadler. 

Diese Pfeilspitze haben Cree hier liegenlassen…
…und dieses Geweih ein Karibu

Am Nachmittag fahren wir mit Raymond auf den See und sollen angeln. Wir werfen die Leinen aus. Es zieht an einer. Seegras. Es zieht an der anderen. Der Köder reißt ab. Einer wirft die Angel aus, verheddert sich. Raymond lächelt milde. So wird das nichts. Wir ziehen die Leinen hinter dem Boot her. Drawling heißt das und ist nicht sonderlich sportlich. Bringt auch nichts. Wir sollten den Fisch visualisieren, sagt Raymond. Wir nicken und stellen uns einen Hecht vor. Nein, nein, kein Hecht, Forelle! Fest denken wir an eine Forelle, so wie der Seeadler über uns. Golden scheint die Sonne aufs Wasser, leise pöttert der Motor, dann zerrt erneut etwas am Haken, doch wieder waren es nur Felsen. 

Raymond kennt hier jeden Wasserweg
Sonnenuntergang im North Seal

Am nächsten Tag fliegt uns ein 26 Jahre alter Pilot in einer 62 Jahre alten Beaver etwa 70 Meilen nach Norden und landet in Courage Lake, dem nördlichsten Beobachtungspunkt für Karibu-Herden. Die Hütte hat im vergangenen Winter ein Tundra-Grizzly zerlegt, wir wandern an ihr vorbei, Richtung 60. Grad Nord zur Grenze nach Nunavut. Wind weht über das Land, nirgends Wald, die Baumgrenze liegt hinter uns. Wir wandern durch Dickicht, finden giftigen Moorlorbeer, den man nicht mit Labrador-Tee verwechseln darf. Wir sehen massenhaft orange Bakeapples, dunkle Preiselbeeren, kleine schwarze Krähenbeeren. Wir pflücken sie und bezahlen für ein paar Handvoll mit fiesen Mückenstichen. Ein Präriehase fegt hüfthoch durch das Gebüsch. Ein „Alice im Wunderland“-Moment, wäre es nicht so kalt. 

Beaver im Anflug
Hier parkt man ein, indem man am Heck zieht

An der Grenze nach Nunavut liegt ein Grenzstein. Wir machen Fotos und kehren wieder um. Wie jeden Abend brennt ein Feuer im Kamin in der Wolfshalle. Die Gäste erzählen. Einige waren mit den Kajaks am Biberbau. Andere erzählen vom Yukon Quest, vom Eisbär-Marathon in Churchill. Dree-Ann steht hinter der Bar. Für die Studentin ist das hier ein Sommerjob. Dr. B zeigt Bilder der Nachtkamera an der Landebahn. Wir sehen einen Bären- hintern. Die Umweltaktivisten Hap und Andrea Wilson setzen sich dazu. Sie waren gerade zwei Wochen mit Kajaks unterwegs, um für Gangler die Gegend zu kartographieren. Sie erzählen vom Labyrinth der Kanäle, und dass man von hier nach Churchill paddeln könnte – theoretisch. Dann wird es dunkel. Ein Lagerfeuer brennt am See. Die Aurorafotografen bauen Stative auf. Und tatsächlich erscheint um Mitternacht eine tornadoförmige weiße Schliere am rabenschwarzen Nachthimmel. Hinter uns tauchen hellgrüne Flecken auf. Dann, plötzlich, entlädt sich eine Farbdusche im Nachthimmel, grün und lila und weiß. Das Feuer knackt. Alle schweigen. Man hört nur noch Klicken. 

Abendliche Kayaktour zum Biberbau
Und dann, die Aurora

Info: 

Gangler’s Sub-Arctic Adventures gibt es auch in Kombination mit einer Reise nach Churchill oder Übernachtung in entlegenen Lodges; ab vier Tagen Aufenthalt etwa 5000 Euro pro Person bei Doppelbelegung inkl. aller Flüge ab Winnipeg. Die Saison beginnt im Juni. Um den Egenolf Lake gibt es vornehmlich Hechte, Zander, Seeforellen und Äschen. Angler- Lizenzen können vor Ort erworben werden. Die beste Zeit für die Beobachtung der Karibu-Herden ist ab Anfang September. Die beste Zeit für die Aurora borealis der Sommer. 

Links: Www.ganglersadventures.com, http://www.hapwilson.com http://www.travelmanitoba.com