Und sie haben doch noch alle Tassen im Schrank. Wenn es in Großbritannien mal wieder länger dauert oder der Kopf schmerzt, hilft nur Tee oder Kaffee: Eine Reise durch London in zwölf Heißgetränken

Regency-Detail aus dem Lanesborough

Die erste Tasse

Stahlstreben stützen das ehemalige Verlagsgebäude der Morning Post. Ein Ruderer aus Bronze bewacht die Halle, durch die früher Winston Churchill lief, als er hier als Redakteur arbeitete. Draussen fahren rote Busse, Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit, doch hier im heutigen Hotel One Aldwych ist es so still, als hätte man dem geschäftigen London den Ton rausgedreht. Die Tasse Americano schmeckt leicht bitter, und der Concierge weiß alles über Tee und Kaffee in London. In Greenwich stünde die Cutty Sark, der vor 150 Jahren schnellste Teeklipper der Welt. In Forrest Hill gäbe es das Horniman Museum mit der natur- und kulturgeschichtlichen Sammlung des berühmten Teehändlers Frederick John Horniman. Man könne auch Lord Earl Grey besuchen, der hinge im National Portrait Museum in Raum 20. Ach, so, trinken wollen Sie den Tee? Gleich ums Eck sei Twinings. Die müssten jetzt um 9 Uhr morgens auch schon aufhaben.

One Aldwych, 1 Aldwych, London WC2B 4BZ,http://www.onealdwych.com

Die Tasse beim alten Tom

Über dem Eingang sitzen zwei Chinesen aus Stein. Ein asiatisch aussehender Tourist schiebt den Kinderwagen zur Seite, seine Kinder betrachten die „Alice im Wunderland“-hafte Dekoration aus pastellfarbenen Girlanden, Papier-Törtchen, einem schwarzen Zylinderhut und einer Taschenuhr. Im Hintergrund läuft die Moldau. Am Tresen warten Probier-Kannen auf die Touristen, über der Spüle gibt es einen extra angefertigten Hahn, aus dem gefiltertes, auf 85 Grad temperiertes Wasser kommt. Man darf probieren. Earl Grey mit Lavendel ist hervorragend, der grüne Jasmin Tee aus Fujian, einer Region im Süden Chinas, etwas blass. An einer Seite steht ein Regal mit Kaffee. Wie, Kaffee? Doch, Twinings habe immer schon auch Kaffee importiert. Früher hieß die Firma ja Tom’s Coffee House.

Twinings
http://www.twinings.co.uk

Twinings Flagship Store, 216 Strand, London WC2R 1AP

Die gediegende Tasse

Die Fassade ist aus Glas und rotem Holz, drinnen sieht es aus wie einem Kolonialwarenladen mit Japan-Schwerpunkt. Im „Teahouse“ gibt es alles, was man zum Teekochen braucht, nur keine Tasse Tee. Die könne man aber in der Patisserie Valerie trinken, gleich die Straße hoch. Die Patisserie wurde 1926 von einer Belgierin namens Madame Valerie eröffnet und ist heute eine der ältesten Café-Ketten im Königreich. Drinnen ist das Licht gedimmt. Fünf Minuten nach Bestellung wird eine funktionale, grüne Kanne gebracht. Leise Stimmen erfüllen den Raum, die Kühlung am Tresen brummt, unter den kupferfarbenen Leuchtern warten Eis, Trüffel, Tartes und Torten auf den Nachmittag. Die selbstgemachten Kuchen sind berühmt. Der Earl Grey schmeckt kräftig, aber nicht bitter, sondern aromatisch.

The Tea House
http://www.theteahouseltd.com
Ein Kännchen in der Patisserie Valerie
http://www.patisserie-valerie.co.uk

The Tea House, 15 Neal St, Covent Gardens, London WC2H 9PU

Patisserie Valerie, 15 Bedford Ct, London WC2E 9HEh

Die süße Tasse

Erst verdrängten die amerikanischen grauen Eichhörnchen die englischen rotbraunen. Dann kam der Cupcake und wollte dem Scone an den Kragen. Viele Londoner wissen daher, wie ein Red Vel- vet Cupcake aussieht und dass er mit Rote-Bete-Saft zubereitet besser schmeckt. Sie kennen die unterschiedlichen Varianten des Cream Cheese Frostings, und das liegt zum Teil an den „Bea’s of Bloomsbury“-Niederlassungen. Hier gibt es auch Duffins, eine Kreuzung aus Zimtschnecke und Muffin. Bei einer Rooibos-Teemischung mit Vanille denkt man an die achtziger Jahre – als es noch Hörnchen zum Frühstück gab und keine Croissants.

Bea’s Cupcakes
http://www.beas.london

Bea’s of Bloomsbury, 72, Russel Square oder 83, Watling Street oder 27 A Devonshire Street.

Die rosa Tasse

Wenn man hier lange genug sitzt, läuft vielleicht J. K. Rowling vorbei. Oder Naomi Campbell. Das „Peggy Porschen Café“ ist ein pastellfarbenes Süßigkeitenparadies, mitten in Belgravia. Von hier werden die Kaffeetafeln des Viertels beliefert, und auch die von Kate Moss, Madonna, Elton John oder Damien Hirst. Aus dem Keller steigt der Duft nach Kuchenteig, dort wird gebacken, verziert, eine Angestellte trägt einen zylinderhuthohen Schokoladenkuchen nach oben. Ein kleines Mädchen drückt seine Nase ans Glasfenster. Der Renner sind gerade „Fancys“, viereckige Biskuittörtchen mit Zuckerguss, kleiner als ein Cupcake, größer als ein Dominostein. Verschleierte Frauen mit Designersonnenbrillen tippen in Handys. Ihr Nachwuchs sitzt am Nebentisch und trinkt Fanta.

Fancy mit Kaffee
http://www.peggyporschen.com

Peggy Porschen, 116 Ebury St, London SW1W 9QQ

Die Tasse im Kaufhaus

Früher standen auf den Tischen Möpse als Salz- und Pfefferstreuer, und unter violettem Neonschriftzug parkte ein hübsch mit Keksen dekorierter Holzwagen. Das ist nun vorbei. Das Café im Kaufhaus Liberty ist ein schmuckloses Restaurant geworden, in dem man aber immer noch Tee trinken kann, wenn einem die Preise für die Fummel im zweiten Stock die Knie weich gemacht haben. Gebaut wurde das Gebäude 1925 aus den Balken zweier Schiffe, denen der HMS Impregnable und der HMS Hindustan. Das Kännchen Elderflower Darjeeling schmeckt frühlingshaft nach Picknick auf Blumenwiese.

So sieht es bei Liberty leider nicht mehr aus
http://www.libertylondon.com

Liberty, Regent St, London W1B 5AH

Die Tasse zum Buch

Isaac Newton wurde verhüllt. Die Statue (nach einer Zeichnung von William Blake angefertigt) verbirgt sich unter einer Plane. Vor der British Library entspannen Menschen in der Sonne. Die Bücherei ist ein Geheimtipp für Leute, die sich erschöpft bei Kings Cross wiederfinden. Das King’s Library Café befindet sich im ersten Stock hinter „Rare Books&Music“ gleich neben der Abteilung für die Konservierung alter Schriften. Im Café bestellt eine Dame in einer geblümten Strickjacke Lunch Nummer 2, Lachs mit Linsen. Ein Becher Filterkaffee aus Arabica Bohnen kostet 2,60 Pfund, eine Tasse Earl Grey 1,60 Pfund, ein Americano 2,20. Wie auch in anderen Museen betreibt die Firma Graysons das Catering. Der Kaffee ist stark, schwarz, nicht bitter und erfüllt seinen Zweck, er motiviert für weitere Stunden Lesen. Am Nebentisch erzählt ein Herr einen Witz. „Sagt Lady Astor, eine der ersten weiblichen MPs, zu Winston Churchill: Sir, wenn ich Ihre Frau wäre, würde ich Ihren Tee vergiften. Erwidert Winston Churchill: Madam, wenn ich Ihr Mann wäre, würde ich ihn trinken.“

British Library Café (im Hintergrund die King’s Library)
Sonnenplatz auf der Terrasse der British Library
http://www.bl.uk/aboutus/stpancras/fooddrink/

British Library, 96 Euston Rd, London NW1 2DB

Tasse mit Aussicht

Unten läuft noch die überaus sehenswerte Pierre Bonnard Ausstellung. Hier oben im Natalie Bell Building (benannt nach einer alleinerziehenden Mutter aus Southwark) lassen die Besucher am Tresen vor einer Glasfront ihre Heissgetränke kalt werden. Der Grund: diese Aussicht. Man sitzt hier im 6. Stock, Luftlinie gegenüber von St. Pauls. Unten auf der Themse fahren Schiffe. Ameisengroße Menschen laufen über die Millenial Brücke Richtung City. Jemand spielt Gong am Ufer. Die Auswahl an Kuchen ist hier oben überschaubar, die Scones sind in Ordnung. Der Kaffee ist stark und kostet 3,30 Pfund. Unbezahlbar, dieser Blick. So wie die moderne Kunst unter einem.

Tasse mit Aussicht in der Tate Modern
https://www.tate.org.uk/visit/tate-modern/natalie-bell-building-espresso-bar

Tate Modern, Bankside, London SE1 9TG

Die Tasse im Park

Auf dem Rasen schnallen sich drei Väter ihre Säuglinge um. Früher gab es hier mehr „Yummy Mummies“, 2019 wollen die Männer wohl am schönen Leben im Clissold Park teilhaben. Seit jeher treffen sich hier die Bewohner von Stoke Newington, Stamford Hill und Finsbury Park. Aber es ist schick geworden. Das Cafe im „House at Clissold Park“ wurde 2012 vom Hackney Council renoviert. Die Firma Company of Cooks, die auch in anderen Londoner Parks die Grundversorgung mit Heißgetränken und Kuchen und Sandwiches sicherstellt, übernahm das Catering. Ein Americano kostet 2,20 Pfund. Wir setzen uns auf die Treppenstufen. An den Tischen sitzen Frauen mit Büchern, Omas mit Enkeln, Schwangere mit Freundinnen. Man hört Französisch, Italienisch, Deutsch, Englisch. Vor dem Gebäude fällt der Rasen sanft ab. Eine Kindergartentruppe läuft vorbei. Es wirkt ein bisschen so, wie vor zehn Jahren im Prenzlauer Berg.

Café im Clissold Park
Das andere Café: die Parkbank
http://www.clissoldpark.com/facilities/

Clissold Park Mansions, Stoke Newington Church St, London N16 9HJ

Die Tasse nebenan

Zwei Männer betreten das „Cinnamon Village“. Sie haben Farbspritzer auf den Schuhen. Vielleicht sind sie Künstler, vielleicht renovieren sie ein Haus, immerhin haben sich die Wohnungspreise hier in den letzten Jahren vervielfacht. „Hallo, Martin, das Übliche?“, fragt die Bedienung. Die Männer bestellen einen Kaffee und einen großen Cappucino mit dem „Cinnamon Village Blend“ für 2,40 Pfund. Das „Cinnamon“ Village ist eines der Cafés, in die man geht, weil man gerade in der Nachbarschaft ist. Weil sie einen vernünftigen Kaffee machen, in denen man gut sitzen kann, freundlich bedient wird und – sofern man das möchte – etwas vom Leben im Viertel mitbekommt. Die Preise sind höher als in einem „Greasy Spoon“ (einem Imbiss), dafür fährt der Bus Nummer 4 direkt vor der Haustür bis nach Waterloo.

Cinnamon Village Kaffee mit Keks

Cinnamon Village, ‪162 Blackstock Road, London N5‬

Die Regency Tasse

Das Lanesborough war früher ein Krankenhaus, und es stand auf einer Wiese, aber man kann sich die Kuhweiden kaum vorstellen, wenn man aus den Fenstern schaut. Im Sternerestaurant Céleste sitzt man beim Afternoon Tea in der himmelblauen Regency-Welt von Designer Alberto Pinto. Alles leuchtet und strahlt, selbst, wenn dunkle Regenwolken über die Glaskuppel ziehen. Man wählt zwischen etlichen Teesorten (Schokolade und Goldblätter, weiße Schneeflocke). Der Afternoon Tea hatte neulich ein Motto (Frida Kahlo, da gab es Margaritas), heute aber ist er klassisch, und er gilt als einer der besten in London, sagt man. Jemand spielt Klavier, es gibt Gurkensandwiches mit Lavendel und dann eine süße Etagere, nach der man den Patisseriechef direkt einpacken und für zu Hause mitnehmen will. Mitnehmen? Aber natürlich, sagt die freundliche Dame und bringt einen Karton. Drinnen steckt kein Koch, aber Scones, wie man sie besser nicht backen kann. Ab 49 Pfund, reicht locker für zwei.

Das Céleste im Lanesborough
Lanesborough Scones
Lanesborough, Afternoon Delikatessen
http://www.oetkercollection.com/hotels/the-lanesborough/ Hyde Park Corner, London, SW1X 7TA

Die goldene Tasse

Der Afternoon Tea im „Corinthia Hotel“ ist klassisch, das Drumherum ist es nicht, es ist extraordinaire. Man sitzt in einem prunkvollen Foyer unter einer Kuppel mit 1001 Kristallkugeln. Champagner perlt in Baccarat-Gläsern. Die Teesorten sind salopp gesagt Cuvées, also Mixturen, und auf einem mehrstöckigen Rollwagen werden Patisserie-Kunstwerke an den Tisch gerollt – kleine Choux, Crémeux, aber auch Sponge Cake, Zitro- nenkuchen und bunte Marshmallows im Glas. Täglich serviert man hier etwa 80, an den Wochenenden sogar 120 After- noon Teas. Warum aber immer einer am Tisch eine goldene Tasse bekommt, will niemand verraten.

Afternoon Tea im Corinthia Hotel
(Foto: Jack Hardy)
mit der goldenen Tasse
(Foto: Jack Hardy)
https://www.corinthia.com/en/hotels/london

Whitehall Pl, Westminster, London SW1A 2BD

(erschienen 2019 in einer großen deutschen Sonntagszeitung)