…eine Reise in die Ära des Dünkels und des Stils, als man noch Hirsche stalkte und keine Promis, als ein Mann ohne Butler, Tweed und Gummistiefel nur ein Mann in der Wildnis war.

Luxustourismus hat es momentan nicht leicht im Königreich. Unsicherer Brexit, wütender Hollywood-Boykott des Dorchester Hotels. Dabei könnte alles so einfach sein. Jagdschloss buchen, Upper-Class-Gastgeber und Personal dazu. Ein Wochenende mit James Middleton in den Highlands.

Glen Affric

Die Sonne wirft letzte Strahlen über den schneebedeckten Gipfel des Tom a‘ Choinich, die Bergkette spiegelt sich im eisklaren Wasser des Loch Affric. Drinnen sitzen Gäste beim Afternoon Tea am Kaminfeuer und blicken auf die Munros, so nennt man hier Berge über 914 Meter. Am gegenüberliegenden Ufer des Lochs weiden vier Hirsche.

Loch Affric im Abendlicht

James Middleton spricht über die Torfigkeit von Caol Ila Whisky, und dass er ihn am liebsten mit Wasser verdünnt. Er ist für die nächsten Tage unser Gastgeber. Nebenbei ist er auch der kleine Bruder von Herzogin Kate, der zukünftigen Königsgemahlin von England. Und der von Pippa, der Gattin von James Matthews, dessen Familie dieses Anwesen (sowie auch der Luxusfelsen Eden Rock auf St. Barth) gehört. Zudem gilt der 31jährige als Erfinder des bedruckten Marshmallows und hat kürzlich in der Daily Mail über seine Depressionen geschrieben. Zum neuen Job als „Host“ kam er durch Zufall, er ist ein Freund des Hauses, kennt Glen Affric, Gäste bespaßt hat er hier schon oft.

Im Jagdschlösschen ist alles alt und edel und wird benutzt. Royal Albert Geschirr, goldene Spiegel, alte Holztreppen, Himmelbetten und Kristallkaraffen. Nichts ist schäbig, selbst das gespaltene Holz liegt formschön in der Garage. Kein Zaun ist verwittert, kein Schaf hinkt, kein Loch in den grünen Polsterbezügen, nur eine Birne im Obstkorb hat eine Stelle. Man fühlt sich seltsam zu Hause – als ob einem der reiche Kumpel mal eben sein Schloss geliehen hat, samt Einrichtung, Familienbilder, Wildhüter, Koch, Personal und sich selbst.

Drawing Room im Haupthaus
Familienbilder, Gemälde und natürlich Hirsche.
Die Küche im Haupthaus
Dining Table im Haupthaus

Am nächsten Tag schneit es. Wetterfest eingepackte Gäste stehen am Hügel. Einer legt an, sagt „Los“, dann fliegt ein schwarzer Teller durch die Luft. Peng, und nochmal peng. Daneben. Egal.

James Middleton

Am Nachmittag wird gewandert. Zur Lodge gehören knapp 4000 Hektar, weitere 4000 haben die Matthews dazu gepachtet, das heisst, auf einer Fläche von rund 80 Quadratkilometern hat man seine Ruhe. Man hört nichts, nur den Wind im Ohr und Wasser, das den Hang hinabplätschert. Feinster Nieselregen versilbert die Landschaft, das nasse Braun des Mooses, das müde Beige der Gräser, das weiss gefleckte Grau der Felsen. Dann reisst der Himmel auf, und plötzlich leuchtet der Berg kupferfarben, rostgrün, die Konturen sind scharf, man sieht weit hier oben im Norden. „Da hinten nisten Prachttaucher“, sagt James, „und dort wachsen die uralten kaledonischen Kiefern, die wir vor den Hirschen schützen müssen“. Ein Gast bleibt stehen und betrachtet die mit hellgrünem Moos bewachsenen Baumgerippe, die grünen Büsche im Tal. „Schauen macht glücklich“, sagt er.

Picknick in einer Hütte am Ufer des Loch. Die einen sind hierher geritten. Die anderen gewandert. Es gibt Sandwiches, Würstchen im Schlafrock, Suppe mit Butternut und Jalapeno. Whiskey. Kakao. Tee. Kaffee. Die Gäste wärmen sich. Dann geht es mit dem Boot wieder zurück zur Lodge. Haare wehen im eiskalten Wind. Es gäbe nichts Schöneres als durchgefroren heimzukehren und einen Whisky zu trinken, sagt James. Ob man den nicht auch so trinken könne, will einer wissen.

Abends im Grill-Room. Gastgeber James Middleton hält einen Holzblock. James Lowe, der Koch, trägt eine Schürze.

Middleton ist der perfekte Gastgeber. Er sieht, wer sich langweilt. Denkt sich Aktivitäten aus – Standup Paddling auf dem Loch! Wir haben warme Wetsuits!-, liest das Wetter, plant um. Fährt auf Mountainbikes mit den Gästen querfeldein. Hört zu. Lächelt. Lässt sich fotografieren. Von rechts, von links und dann nochmal. Er ist so charmant, er könnte einen Baum zum Plaudern überreden. Fragt man aber nach Fakten über das Haus, einer Meinung zum Brexit, zur Treibjagd, weiß er es nicht, oder er sagt, er sei kein Spezialist, oder er erwidert, dass es zu jedem Thema zwei Meinungen gäbe. Gute Manieren sind eben manchmal auch ein bisschen langweilig. Er ist halt nett und nahbarer als die vielen Familienbilder auf den Kommoden, Schränken, an den Wänden, die schon etwas platziert wirken. Da läuft James Matthews 1999 den New-York-City-Marathon, hier ein Brief vom kleinen Bruder Spencer aus dem Internat in Eton, und dort sitzt der am Everest verstorbene Bruder Michael am Hang. Ölgemälde von Mutter Jane zieren das Familiencottage. Das Foto der Schwiegertochter Pippa steht zentriert im Bücherregal. Auch Familienoberhaupt David Matthews, ehemaliger Rennfahrer und höchst erfolgreicher Gebrauchtwagenhändler, der nach Vergewaltigungsvorwürfen um seinen Ruf kämpft. Alle Bilder seien freigegeben, sagt James.

Manchen Wohlhabenden mangelt es an dem, was andere im Überfluss haben: Authentizität, Privatsphäre. Beides finden sie hier, anders als in einem Hotel, das man mit Fremden teilt, oder einer Miet-Villa, in der man möglicherweise alleine herumsitzt.

Die Sonne geht unter. Hinter dem weißen Cottage steigt eine Hirschkuh aus dem Wasser, bleibt kurz stehen, trabt fort. Im Haupthaus bereitet der Koch das Abendessen vor. Julie Matheson deckt den „dining table“. Sie kommt schon seit ihrer Kindheit hier, hat Archäologie und schottische Highlandgeschichte studiert. Ob es hier Gespenster gibt? Definitiv spuke eine Küchenhilfe im rückwärtigen Bereich, und da wäre noch ein alter Butler, der einst in den Highlands vom Wagen fiel, sagt sie.

Am nächsten Morgen. Im Drawing Room brennt Feuer. Auf einer georgischen Anrichte wartet der Brunch. Den Tisch schmücken Straußeneier in Silberschalen, weiße Rosen. Draußen macht der Wind Muster auf dem Loch, das Wasser funkelt, alle paar Minuten ändern sich die Farben der Flächen und Hügel. Bald wird es hier blühen und sirren und schwirren, die Temperaturen werden steigen, Gäste werden ohne Wetsuit Purzelbäume ins Wasser schlagen, und die Hirsche werden ein Hörnchen mehr haben, oder aber als Filet auf dem argentinischen Grill landen. Und im Himmel werden sich die Jahreszeiten abwechseln, als wäre nichts gewesen.

Affric heisst auf schottisch Lodge, also Hütte. Lord Tweedmouth baute diese hier im 19. Jahrhundert für seine Tochter.

Anreise: Von London fliegt Easyjet nach Inverness, im Mai für etwa 100 Euro. Von dort anderthalb Stunden. Übernachtung

Das Anwesen: „Glen Affric“ kostet pro Nacht für bis zu zwölf Gäste ab 8200 Euro, ein Host (es gibt vier) pro Tag etwa 1200 Euro plus Mehrwertsteuer (masterpiece-estates.com).

Weitere „Masterpiece Estates by Oetker-Collection“ sind in Hampshire, West Sussex, Schottland und Irland. Demnächst eröffnen „Boconnoc House“ in Cornwall, „Stockton House“ in Wiltshire und „Gordon Castle“ in Schottland; insgesamt soll das Portfolio zwanzig Häuser umfassen. https://www.oetkercollection.com/estates-villas/masterpiece-estates/

erschienen 2019 in einer deutschen Sonntagszeitung