Wer im Cipriani bucht, fährt nicht nach Venedig, sondern besucht eine Legende. Nun feiert das Luxushotel seinen Sechzigsten Geburtstag

Roberta

Roberta marschiert in einem gar nicht schildkrötenhaften Tempo Richtung Küche. Eine Kellnerin schiebt sie mit dem Fuss zur Seite. Sie dreht um. Ein Kellner hebt sie hoch und setzt sie auf den Rasen. Gerade will sie erneut umdrehen, da wird sie von einem Kind entdeckt und mitgenommen. Roberta ist nicht nur die am meisten in der Gegend herumgetragene Schildkröte in ganz Venedig, sie ist auch Stammgast in einem der berühmtesten (und teuersten) Hotels der Welt, dem Belmond Hotel Cipriani.

Der Gründer und Inhaber der berühmten „Harry’s Bar“, Giuseppe „Beppi“ Cipriani, baute vor sechzig Jahren auf der Laguneninsel La Guidecca dieses Hotel für den Jet Set. Damals dachte man, er sei ein bisschen wahnsinnig. La Guidecca liegt zwar nur 5 Minuten mit dem Boot vom Markusplatz entfernt, doch 1958 war das weit ab vom Schuss. Heute ist die Lage ein Segen. In ebenfalls weiser Voraussicht tat er sich damals mit den drei Töchtern des Earls von Iveagh zusammen. Nach den drei Guiness Erbinnen sind heute noch die drei Suiten direkt am Anleger benannt, Nummer 25, 125 und 225. Sie holten während der Sechziger Jahre den europäischen Hochadel nach La Giudecca: Könige und steinreiche Geschäftsmänner, Kinder aus uralten Adelsfamilien mischten sich mit jenen Schauspielern und Künstlern, die zuvor bereits Harry’s Bar frequentiert hatten. Wohlstand und Pedigree mischten sich mit Glamour: Hubert de Givenchy, Vanessa Redgrave, Yves Saint Laurent, Catherine Deneuve, Sophia Loren, Grace Kelly oder Humphrey Bogart schätzten die Diskretion und den Luxus des neuen Hotels.

Hotel Cipriani 1959

Man wohnte in opulent mit Stoffen und Antiquitäten dekorierten Zimmern, zwischen Muranoglas, mit Terrassen, großen Betten und beinahe ebenso großen Badewannen. Im Salon, wo sich früher die große Bar befand, hängen ihre Bilder. Das von Lady Di, die immer in der Dogaressa Suite im Palazzo Vendramin wohnte. Das von Robert de Niro, der die Nummer 125 bevorzugt – oder das von Hausfreund George Clooney, der am liebsten in Nummer 100 residiert, der Suite mit der Panoramaecke.

Ankunft im Hotel

Concierge Roberto

Terrakottafarbene Wände leuchten im Sonnenlicht, weiße Liegen und hohe Bäume umrahmen den riesenhaften Pool. Ein englischer Architekt entwarf ihn in 33 mal 13,5 Feet, ein italienischer Handwerker baute ihn – in Metern. Zwei Steinlöwen starren auf die Bar Gabbiano. Bis vor 11 Jahren gab es im Hotel drei Bars: Sant Giorgio am Wasser, Fortuny links hinter der Rezeption, und die hier direkt am Pool. In jeder befand sich ein Tresen aus grün, weiss, schwarzem Marmor, eine Nachbildung des Originals aus Harry’s Bar. Hier setzte mal Liz Taylor ihr durstiges Hündchen ab und fragte in seinem Namen nach einem Cocktail. Hier mixte George Clooney 2014 für seine Hochzeitsgäste die Getränke, als er bemerkte, dass das erschöpfte Barpersonal eine Pause nötig hatte. „Die Welt trank an dieser Bar“, sagt Walter Bolzonella, Chefbarmann und dienstältester Mitarbeiter. 1978 lernte er noch von Chef Giuseppe Cipriani, wie man Bellinis richtig zubereitet, nämlich mit frischen weissen Pfirsichen aus Venetien, Ferrara oder Verona. Vor 3 Tagen fing die Saison an, sie geht bis Ende September, danach gibt es keinen mehr. Ich darf helfen und drücke weißen Pfirsichmatsch in einen Trichter, die Kerne pieken durch meine Plastikhandschuhe, was für eine Arbeit, für so ein bisschen Saft. Der wird – wegen der Farbe – noch mit Himbeeren versetzt, und mit Prosecco entsteht daraus das berühmte Mischgetränk. In den Sechzigern tranken sie hier aber Manhattan, sagt Walter. Früher wurde deutlich mehr getrunken und geraucht. Je berühmter der Gast, umso weniger macht er sich aus komplizierten Drinks. Einfach müssen die Getränke sein, nicht überdekoriert, das lenke nur von Farbe und Geschmack ab. Wir sprechen über alte Cocktails, und über den Tequila, den George Clooney zusammen mit Cindy Crawfords Mann Randy Gerber hierher liefern lässt. Währenddessen arbeitet Walter fast japanisch achtsam, wenn er seinen Mix aus vier Sorten Wermut ansetzt, den Negroni umrührt, Eis auffült und wieder rührt.

Walter Bolzonella

Bar Gabbiano

Bar Gabbiano

Vor dem Hotel: Die Yacht Edipo Re bringt Hotelgäste zu einem Tagesausflug nach Torcello, auf jene Insel, wo Ernest Hemingway Enten, Fischen und Gedanken hinterherjagte. Hermeskopftücher flattern im Wind. Schwarze Sonnenbrillen. Die Damen wickeln sich in Decken. An den von Paparrazzi so oft fotografierten braun, weiss geringelten Anlegepollern steht Concierge Roberto, ein Mann wie vom Set der Sopranos, nur besser angezogen. Ein Gast, Mitte Dreissig, richtet Grüße vom Papa aus, dem Earl Dingsbums. Die Lippe des Sohnes zittert vor Nervosität. Roberto arbeitet seit 30 Jahren hier. Früher fuhr er mit einem Transportboot Wäsche aus, dann bot ihm der spätere Eigentümer des Hotels, Schiffahrtsunternehmer James Sherwoord, einen Job als Wassertaxifahrer an. Viele Mitarbeiter des Cipriani sind schon lange hier, und sie sehen nicht aus wie die üblichen Klonkrieger in urbanen Hotels. Sie haben Charakterköpfe, stammen aus allen Altersklassen. Da ist der Ober mit der beigen Jacke und den Epauletten, der wettergegerbte Koch, die souveräne Dame in der Boutique, die Nachbildungen des Kleides verkauft, das Sophia Loren hier 1958 trug. Man spürt, sie alle machen das nicht erst seit gestern. Sie sind sehr souverän, aufmerksam und diskret. Jedes Jahr, zwei Monate bevor das Hotel im März öffnet, werden 230 Mitarbeiter eingestellt und aufs Neue geschult. Die meisten von ihnen seit vielen Jahren.

Ausflug

Es wundert also nicht, dass der Geschäftsführer von den 20 Prozent Stammgästen nach zehn Jahren immer noch „der Neue“ genannt wird. Ginge es nach ihnen, dürfte er auch nicht einfach eine Lampe ersetzen, ohne sie zu fragen. Er veränderte dennoch viel. Er ließ Kinder ins Hotel, vergrößerte die Zimmer, verringerte ihre Anzahl (von 108 auf 96), etablierte ein Restaurant mit einem Michelinstern und bekam sogar eine Baugenehmigung für Balkone. „Jetzt ist es perfekt, die Kunst wird es sein, es so zu erhalten“, sagt Giampaolo Ottazi.

Hinter Baumwipfeln sieht man eine alte Kirchenkuppel, es ist der nächste Wassertaxihalt San Giorgio. Der Garten, der Dunst über der Lagune, die weissen Schirme am Pool, über allem liegt diese pudrige, rosa Blässe, eine Art Patina aus Geschichten. Viele passierten hier. Einmal vergaß ein Gast seinen Stiftzahn am Bartresen, zwischen Pistazienkernen. Ein Pärchen schlief auf dem Sofa ein, sie schafften es nicht in ihr 8000 Euro Zimmer. Ein berühmter französischer Juwelier verlor einmal einen Riesendiamanten im Wasser vor dem Anleger, ein Taucher fand ihn wieder. Ronald Reagan konnte den Flur nicht entlanglaufen, ohne in jedem Spiegel sein Aussehen zu prüfen. Julia Roberts wurde so dermaßen von Mücken zerstochen, dass man sie mit Alkohol von der Bar einreiben musste. Und natürlich war da die denkwürdige Hochzeit von George und Amal Clooney, die ihren Gäste die Smartphones abknöpften.

Im hoteleigenen Restaurant Cips essen Leute auf der Wasserterrasse. Chef Gatto kocht hier auch die seit 60 Jahren unveränderten Rezepte aus dem Hause Cipriani. Etwa das Carpaccio und das Risotto Primavera mit den kleinen Artischocken (die man auch roh essen kann, mit Öl und Parmesan).

Im Spa wartet Friseur Marco, der so sanft ist, man müsste ihn eigentlich Haarskultpteur nennen. Waschen, trocknen kostet 75 Euro, eine einfache Toupage 80. Nach einer Stunde sitzen etwa 50 Klemmen in der Frisur, man sieht sie nicht, man sieht nur irgendwie filmreif aus, zumindest auf dem Kopf.

Vor dem ehemaligen Kornspeicher, der heute als Halle für Parties herhalten muss, steht ein gelber Fiat 500 steht am Ufer. Drinnen auf der Party zum 60igsten Jubiläum des Hotels läuft gerade ein Video mit der Grußbotschaft von George und Amal Clooney. Am Wasser steht ein Mädchen in einem Kleid von Banco Lotto, und sie trägt Schmuck von Infra. Beides sind Arbeiten der Gefängnisinsassinnen, die hier auf Guidecca einsitzen. Sie ist nicht weniger schick als die anderen Frauen, die mit drinnen mit den neuen Handtaschen von Chanel und Miu Miu herumlaufen und die aktuelle Cruise Collection spazierentragen.

60 Anni Party

 

Pool am Abend

Pool

Am nächsten Tag: Wasser plätschert. Eine Glocke läutet. Gäste sitzen an weißen Leinentischdecken, der Kaffee dampft in Silberkännchen. Man könnte meinen, man frühstückt in einem Film, in dem die Zeit anders vergeht. Hier, wo Kellner lautlos rasen, wo italienische Serenaden leise über das hellblaue Poolwasser wehen, Fahnen im Wind flattern, Rivaboote an den gestreiften Anlegepollern schaukeln, wo weiß gekleidete Poolboys weiche Handtücher bringen. Eine etwa Achtzigjähriges Ehepaar geht vorbei. Sie in einem weiß-blau gestreiftem Sommerkleid mit flachen Schuhen und einem kleinem LV-Täschchen, er trägt einen beigen Leinenanzug, ein rosa Hemd und braune Loafern. Sie kommen zum Mittagessen. Barchef Walter steht wie aus dem Ei gepellt hinter der Bar Gabbiano. Der Barzutaten-Blumenstrauß, den er heute morgen frisch aus dem Garten gepflückt hat, leuchtet in der Sonne: Weißer Fenchel und Holunder, der nur 20 Tage blüht. Dazu roter Salbei, lila Schnittlauch und gelb und orange blühende Kapuzinerkresse. Eine zerrupft aussehende Taube torkelt zwischen den Tischen umher, auf der Suche nach erlesenen Kekskrümeln.

Venedig