(erschienen in einer überregionalen Sonntagszeitung)

Gruppenentscheidung

Als eingefleischter Allein-in-den-Ur- laub-Fahrer empfand ich bisher die gemeinsamen Reisen mit meinem Mann als großes Glück. Kann ja auch schiefgehen zu zweit, ging es aber nie. Doch dieses Jahr kommt ein Experiment auf mich zu: Wir wollen zu viert in den Urlaub. Wie es aussieht, kommen wir aber gar nicht erst weg.
Britta wollte Sonne, egal wo, Hauptsache, es wird heiß. Das schloss Ziele mit Regenwahrscheinlichkeiten wie Ost- und Nordsee aus. Zudem stammt sie aus Schweden, Skandinavien hing ihr ein wenig zum Hals heraus, der Norden fiel also flach.
„Auch die Lofoten?“, fragte ich. „Da soll es so atemberaubend schön sein.“
„Nein, lieber in den Süden und bitte ans Meer, ich will baden“, sagte Britta.
„Apulien“, schlug mein Mann vor. „Dort ist es heiß, und wir könnten nach Neapel fliegen, von da einen Mietwagen nehmen und dann . . .“
„Halt“, unterbrach uns Paul, Brittas Mann. „Ich kann nicht fliegen“, sagte er.
„Wieso nicht?“, fragten wir.
„Ich habe Flugangst“, sagte er.
Vor meinem geistigen Auge zerfielen portugiesische Strände, Partys auf Ibiza und Cafés an der französischen Riviera wie Wolkenträume, ebenso versanken Elba, Korsika und Zypern im Mittelmeer, überall wäre es sinnvoll, mit dem Flugzeug anzureisen.
„Dann nehmen wir den Nachtzug“, schlug ich vor.
„Nein“, sagte Britta, „mit dem Nachtzug fahre ich aus Prinzip nicht. Dann lieber Auto.“
„Aber dann dauert die Anreise drei Tage, und in Apulien muss man fit sein“, sagte ich.
„Warum denn das?“, fragten die anderen.
„Wegen der anderen Autofahrer“, sagte ich. „Wir waren letztes Jahr da. Für die meisten ist eine rote Ampel mehr so ein Vorschlag.“ Mein Mann sah mich dankbar an, denn er hasst Autofahren.
„Was ist denn mit Kroatien? Da könnten wir doch mit dem Zug hinfahren“, sagte er. „Nein“, sagte Paul, „die Zugverbindungen sind nicht so besonders, man müsste mit dem Bus fahren. Wir sind letztes Jahr mit einem Smart dort gewesen.“
„Über den Brenner mit einem Smart?“, fragte mein Mann, woraufhin sich ein Gespräch über kurze Radstände entspann, in dem auch Enten vorkamen, mit denen man in den Achtzigern über die Alpen gefahren ist, und in dem Gott sei Dank das Bus-Thema absoff. Dann sprachen wir über eine Bootstour im Spreewald. Die müsste man aber jetzt schon reservieren, und außerdem wäre es vielleicht genau dann kalt. Wir sprachen noch über die Bretagne, wo ich seit Kommissar Dupin unbedingt hinwill, wegen des Essens, aber da könnte es ja ebenso möglicherweise regnen. Nach Portugal, lernte ich, fahren dieses Jahr irgendwie alle. In die Türkei müsste man auch fliegen, ebenso nach Griechenland.
„Ich hab’s. Wir fahren an den Gardasee!“, rief ich.
„Das ist aber kein Meer“, sagte Britta leise. Geknickt sah ich das ein.
In das entstandene Schweigen sagte Paul: „Okay, hinfliegen geht, das schaffe ich. Aber nicht zurück.“
„Warum denn nicht?“, fragte ich, denn es erschien mir logisch, dass jemand mit Flug- angst nach einem gelungenen Hinflug keine Angst mehr vor dem Rückflug hat, wenn es einmal schon gut geklappt hat.
„Hinfliegen schaffe ich mit Wein und Tabletten und autogenem Training, aber wenn ich dann da bin und weiß, ich muss wieder zurückfliegen, kann ich den Urlaub nicht genießen. Dann denke ich jeden Tag an den Rückflug.“
Das sahen wir ein.
„Auf Mallorca könnte man eine Finca mieten“, sagte mein Mann und schaute Paul an. „Ja, und zurück mit der Fähre nach Barcelona und von dort mit dem Zug“, sagte ich. Britta nickte. Malle und Finca waren ihr Ding. Im September war es da auch noch warm. Alle schauten Paul an. Der wurde weiß im Gesicht.
Wir haben uns jetzt erst mal vertagt, denn Britta kann nur im Juni, Paul erst ab Ende August, und mein Mann braucht sofort Urlaub, sagt er.

AREZU WEITHOLZ