(erschienen als Beitrag der Geschichte „Sollbruchstellen“ 2002 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung)

 

London: Stau vor dem Halbmond

Es stinkt. Nach Abgasen, angebranntem Essen und Müll. Autos hupen. Polizeisirenen heulen. An einer Ecke sägen ein paar Männer einen Baum um. Rings um den Häuserblock: Stau – wie immer.

„Take Courage“ steht in blassen, roten Buchstaben oben an einer Hauswand. Im Erdgeschoß: ein Pub, daneben ein „Halal“-Imbiß. Eine Straße weiter haben die Läden so schöne Namen wie „Evona“, „Zafir“ oder „Chi Chi“. Sie verkaufen enge Minikleider und tief ausgeschnittene Nylonblusen. Ein paar Schritte weiter: die „Finsbury Park Mosque“. Seit Monaten wird diese Moschee im Zusammenhang mit mutmaßlichen Terroristen erwähnt. Jugendliche sollen hier den Umgang mit AK-47 erlernt haben. Der ägyptische Scheich Abu Hamza al-Masri darf seine radikalen Ansichten nicht mehr predigen. Eine direkte Verbindung zu Al  Qaida konnte ihm bisher aber niemand nachweisen.

Wären da nicht die beiden Halbmonde auf dem Dach, das Haus sähe aus wie ein gewöhnlicher Wohnblock. Die Tür steht offen. Drinnen sieht es aus wie im Flur einer Volkshochschule. Klapptische mit Broschüren, CDs, Büchern und Videos. Auch ein paar von Scheich Hamza. Es gibt Räucherstäbchen, Palästinensertücher für Kinder. Eine Anglerweste für 15 Pfund. Bücher über den „Jihad“. Eins mit einem Bild von Usama bin Ladin. Viele Moslems im Königreich spüren den „September-11-Faktor“. Das Interesse an ihrer Religion wächst. Moscheen haben mehr Zulauf als je zuvor.

Ein Mann im Tarnanzug kommt herein. Ihm folgt ein blasser Junge im Arsenal-Sweatshirt, zwei Inder in Jeans. Kaum einer trägt hier einen Bart oder einen Kaftan.

Um halb zwei beginnt das Freitagsgebet. Der Eingang für die Frauen liegt im Keller. Neben einem Haufen Bauschutt eine dunkel verglaste Tür. Man gelangt in einen großen, schmucklosen Raum. Es riecht frisch. Duftig. Etwa dreißig Frauen und zehn Kinder sitzen auf dem Fußboden. Auf dem Fenstersims zwei Lautsprecher. Wenig Licht fällt durch die mit Backpapier verklebten Fenster. Der Raum wirkt wie ein mit dunkelrotem Teppich ausgelegter Partykeller. Auf einem Tisch Becher, heißes Wasser und Tee. Frauen aus allen Kontinenten sind hier versammelt. Manche kauern, andere sitzen im Schneidersitz, sie haben Babys im Arm, Bücher auf dem Schoß. Zwei Kinder laufen Slalom um zwei Holzsäulen. Ein Baby weint.

Als das Gebet beginnt, wenden die Frauen ihre Köpfe zum Lautsprecher. Der Klang kommt aus derselben Richtung, in der auch Mekka liegt. Eine junge Frau legt sich in eine Ecke, den Kopf auf ihre Handtasche. Sie schläft. Die Atmosphäre ist entspannt. Freundlich. Angenehm.

Später, draußen, gehen zwei weißhaarige Damen mit ihren Einkaufstüten vorbei. Gläubige verlassen die Moschee. An der Kreuzung, noch immer Stau.

AREZU WEITHOLZ