(erschienen 2000 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung)

Die Wiederbelebung einer erschöpften Band: „Radiohead“ und ihr neues Album „Kid A“

 

Vornübergebeugt rechts auf der Bühne steht ein Mann. Er hält ein Kofferradio in der Hand, ein rechteckiges, schwarz-silbernes, so wie man sie früher kaufen konnte. Versunken dreht er an den Knöpfen. Das klingt, als würde ein Wal laut weinen. Vielleicht ist es gar kein Radio. Radiohead gibt heute Abend ein Konzert, und eigentlich spielt Johnny Greenwood Gitarre, doch für dieses Lied braucht er sie nicht. Das dunkelblaue Zelt, in dem sich ein paar tausend Leute drängeln, wurde nach den Plänen der Band entworfen, und es sieht im Grundriss aus wie eine Männerunterhose. Es steht im Londonder Stadtteil Hackney, einer unwirtlichen Gegend, doch die Atmosphäre hier drinnen ist das Gegenteil: bezaubernd. Von überall kann man gut sehen, der Sound ist ausgezeichnet; es gibt keine Werbelogos, nur an der Decke im hinteren Bereich, im Schritt, sind drei große flache Bildschirme aufgehängt.

Thom Yorke ist klein, viel kleiner als die anderen Bandmitglieder. Deswegen, und weil er der Sänger ist, steht er vorn in der Mitte, und auf ihn konzentriert sich das Interesse. Die Leute schauen ihn an. Lächeln. Schweigen. Und er singt. Jammervoll herzerweichend. „Radiohead trugen das Prinzip der Rockband zu Grabe!“, empörte sich eine englische Zeitung, als herauskam, dass nicht alle Musiker bei jedem Lied des neuen Albums „Kid A“ mitspielen. „Wenn man anders klingen will, dann muss man auch anders zu Werke gehen“, erklärt Gitarrist Ed O’Brien. „Für ,Kid A‘ haben wir uns aufgelöst und neu gegründet. Mit denselben fünf Leuten.“

Die UN der Rockwelt

Die Gruppe besteht aus fünf Jungs, die gemeinsam in Oxford zur Schule gegangen sind, einer Stadt, in der beinahe jede Straßenlaterne nach Tradition oder Bildung riecht und nach sonst gar nichts. Sie sind zwischen 1967 und 1972 geboren: Sänger Thom Yorke, Schlagzeuger Phil Selway, Bassist Colin Greenwood, dessen Bruder Johnny an der Gitarre sowie Ed O’Brien kennen sich seit 20 Jahren, und seit 15 Jahren machen sie zusammen Musik, doch über damals reden sie untereinander nicht. Nostalgie ist was für Jammerlappen. Eine oft zitierte, weil treffende Beschreibung ihrer Arbeitsweise stammt von Thom Yorke, dem Motivator und Ideengeber: „Wir arbeiten wie die UN, und ich bin Amerika.“

Schon 1993 hatten sie ihren ersten Hit. Und niemand, vor allem die Plattenfirma nicht, hatte mit dem Erfolg der Ballade „Creep“ gerechnet. Nach der Wiederveröffentlichung des Albums „Pablo Honey“ in England und den USA Ende 1993 hielten die Jungs von Radiohead ihre erste Platinplatte in den Händen. „Creep“, das war die Pop-Version des „Idioten“ von Dostojewski, nur zorniger und nicht ganz so ausführlich: das Drama eines richtigen Menschen in einer verkehrten Welt. Und Yorke sang schon damals herzerweichend jammervoll. Es schien, als hätte alle Welt auf einmal Sehnsucht nach schlechter Laune. Nur vier Jahre später, gegen Ende des Jahrhunderts, wo sich erst recht niemand traute, traurig zu sein, veröffentlichten sie „OK Computer“. Auch hier sagte die Plattenfirma: „Das wird nix, da sind keine Singles drauf.“ Das Sechs-Minuten-Stück „Paranoid Android“ etwa bestand aus drei Liedern mit unterschiedlichem Tempo. Doch auch damit kamen mehr Leute zurecht als erwartet. „OK Computer“ wurde ein Millionenseller. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit erübrigte sich von allein, einen vom Schmerz gepeinigten Kranken fragt man ja auch nicht: Tut es dir wirklich weh?

Das Album wurde mit Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ verglichen; es hatte dieselbe epische Qualität, und die dunkle Atmosphäre, die von ihm ausging, wurde von ungewöhnlich verschlungenen sinfonischen Arrangements getragen. Es galt als Meisterwerk und Radiohead als die Band, die den Rock’n’Roll retten würde. Die Sache mit den Ballermann-Bands aus Deutschland und den Beatles-Nachmachern aus England würde nun ein Ende haben. Und weil Yorke noch viel herzerweichender und jammervoller klang als zuvor, analysierten schreibende Hobbypsychologen seine Stimme, seine Texte und das Milieu in Oxford.

Yorke wurde mit einem geschlossenen Lid geboren und als Kind ständig an den Augen operiert. In der Schule galt er als Einzelgänger. Einer, der am Wettbewerb teilnimmt, sich aber gleichzeitig dagegen auflehnt. „So sind wir groß geworden: Leistung ist alles“, sagte er einmal. Damals sah man allerorts Fotos der Band. Eins zeigt Thom Yorke im Vordergrund, Hände in den Hosentaschen, schwarze Hornbrille im Gesicht, ausdruckslos blickt er ins Nirgendwo. Ein wenig Traumdeutung hier, ein bisschen englisches Mittelklassedrama dort, am Ende lieferten die oberflächliche Analyse und ganz viel eigene Ratlosigkeit die Erklärung: Bei Thom Yorke handelt es sich um einen selbstmordgefährdeten, schüchternen kleinen Jungen; dass er auch mal gute Laune hat oder sich bloß lustig macht, hielten die Leute für ausgeschlossen. „Alles Blödsinn“, sagte Yorke noch vor Jahren. Heute sagt er dazu gar nichts mehr.

Ende 1998, nach der letzten zwölfmonatigen Tournee, war die Gruppe müde, erschöpft und genervt. Zu viele Menschen, zu viele Länder, zu viel alles. Yorke hatte eine Schreibblockade. Er verachtete herzerweichend jammervolle Melodien. Die Band war am Boden. Er wanderte umher, ging in den Wald hinter seinem Haus und malte die Hagedornbüsche, deren verschlungene Äste, wie er meinte, Ähnlichkeit hätten mit der Wirrnis unserer Zeit. Songs schrieb er keine. Er bestellte den kompletten Backkatalog der Plattenfirma Warp. Er hörte Musik ohne Menschenstimmen, Autechre und Aphex Twin, er hörte Strukturen, keine Lieder.

Deadline heißt übersetzt Todeslinie, und auch wenn das nie jemand wörtlich nehmen würde, so kann sie dem, der unter ihr leidet, so furchtbare Qualen zufügen, dass er am Ende denkt, er muss wirklich sterben. Als Radiohead im Februar 1999 in einem Tonstudio in Paris saßen, hatten sie wenig Material vorbereitet, und sie waren verwirrt, weil sie gar nicht wussten, was sie da schon wieder sollten. Aber das Schlimmste war: Sie hatten Zeit. Ihr Label Parlophone hatte der Band keine Deadline gesetzt. Wer arbeitet, muss aber wissen, wann er anfangen soll und vor allem, wann fertig ist. Nicht, weil der Mensch von Natur aus faul und träge ist; niemand kann mit einer Sache fertig werden, wenn er die Erlaubnis bekommt, immer und wieder etwas zu verbessern. Radiohead hatten mehrere Krisensitzungen. Paris verließen sie ohne Ergebnis. Nach zwei Wochen in Kopenhagen hatten sie etwa fünfzig Tonbänder mit jeweils etwa 15 Minuten Musik. Keins war fertig. Im Sommer 1999 steckte Yorke an die sechzig Zettel an eine Pinwand. Soviele Stücke hatten sie begonnen. Im Januar 2000 teilte der Produzent Nigel Godrich die Band in zwei Gruppen auf. Sie mussten in verschiedenen Räumen arbeiten und durften keine akustischen Instrumente benutzen. Die Ergebnisse der einen Gruppe setzte die andere fort. In diesem Bastelstunden lernten sie das Wesen von Technosessions kennen.

Erst im April war das Album fertig, und waren Radiohead bisher als dynamisch-neurotische Gitarrenband bekannt geworden, so machten sie nun dynamisch-neurotische Ambientmusik. Die Melodien lagen unter den Synthesizer-Arrangements wie unter einem Sauerstoffzelt und lebten doch. Nur waren sie noch hintergründiger und gebrochener als zuvor, kein Wunder, denn elektronische Musik lebt vom gebrochenen Akkord. Wo Madonna mit ihrem rückständigen Dancealbum „Music“ fast schon scheitern musste, daran sind Radiohead mit „Kid A“ erwachsen. Es reicht eben nicht, sich immer wieder innovative Produzenten einzukaufen, man muss sich die Sachen schon selber anhören.

White Noise

Kid A“ ist ein Ganzes. Auch hier gibt es wieder keine Singles. Das heißt aber nicht, dass die Stücke nicht fertig geworden sind, nur weil alles irgendwie ineinander übergeht. „Kid A“ will von Anfang bis Ende gehört werden, wie auch klassische Musik. Die Kompositionen haben eine bizarre Schönheit, schweifen ins Düstre, Ungemütliche. Die Lieder sind mal laut und mal leise, die Instrumente wechseln, dann wieder verschwinden sie vollends zugunsten von Rhythmik und suggestivem Gesang. Manchmal dauern die leisen Stellen so lange, dass ein Radiomoderator befürchten muss, die Hörer könnten seine Top Ten mit White Noise verwechseln. Denn „Kid A“ ist so independent, wie man das als Majorband machen kann, wenn man bei einem Majorlabel unter Vertrag ist und ein Album herausbringen muss, weil das so im Vertrag steht. Und wenn Yorke eingangs singt „Ich wache auf und lutsche eine Zitrone“; oder später „Ich bin nicht da. Ich bin nicht da ha ha“, ist er ein Scherzkeks, denn er weiß: Nach dem Genuss von Radiohead kommen sich die Leute vor, als hätten sie zusammen mit ihm auf der Couch beim Psychiater gelegen. Lachen tut da gut. Es ist wie aufstehen.

Kid A“ soll das letzte Album in dem Album-Tour-Album-Zirkel sein, sagen sie. Gut für die Fans, denn das bedeutet mehr Auftritte und Veröffentlichungen in kürzeren Abständen, es bedeutet „Pay As You Go“-Veröffentlichungen im Internet. Radiohead rocken. Jetzt gerade beenden sie eins ihrer neuen Stücke, „Idioteque“, das so kompakt klingt wie Kraftwerk und gleichzeitig so absurd, als würde jemand Techno auf einer Leierorgel spielen. Das war den Kollegen von U2 mit „Discotheque“ misslungen: als Rockband einen Dancetrack zu spielen, ohne dabei zu wirken wie sitzengebliebene Klassenkasper. Die Leute sind begeistert, sie applaudieren, und wenn sie das nicht tun, lächeln sie noch immer verklärt. Manchmal erinnern die Melodien an ein Glockenspiel. An diese Spieluhren für Kinder, die früher von der Mama ans Bett gehängt wurden, damit man auch gut einschläft. Eine Stunde Konzert ist vergangen. Ein Mädchen ruft: „Thom! Komm mit mir!“ „Kann nicht!“, grinst der. „Aber in anderthalb Stunden habe ich Feierabend.“ Darüber freut sich die Menge noch mehr. Sie jubelt. Das Konzert ist wirklich wie eine lange Sitzung. Im Stehen.

AREZU WEITHOLZ