(erschienen 1996 in einem Lifestyle-Magazin)

London Calling

Was passiert, wenn man versucht, zwei Tage am Stück in London zu feiern

Dounk, Tst, Dounk. Schnell und viel zu laut hauen mir die Bässe aufs Trommelfell. Im Halbdunkel unter mir tanzen, schwitzen, schreien etwa hundert Kids.

Es ist drei Uhr morgens und ich stehe im Club „London Calling“ in den Arches. Hier trifft sich heute Nacht der Untergrund. Die DJs, allesamt ehemalige Jazz-Pioniere, wie Gilles Peterson, L.T.J. Bukem oder James Lavelle, gelten heute als maßgeblich für die Jungle- oder Drum&Bass-Kultur Londons. Vom obersten Absatz der Treppe schaue ich in das grottenartige Gewölbe. Schweiß tropft von den Wänden. Der Bass ist so laut, daß hinter mir die Tür zum Damenklo immer wieder von selbst aufspringt und grelles Neonlicht die Nebelschwaden erhellt.

Es ist meine erste Nacht in London. Ich möchte wissen, ob die Clubszene tatsächlich so unglaublich und sehenswert ist, wie man behauptet. Ich will wissen, was in einem Jungle-Club passiert. Gibt es noch Mods? Und was zum Teufel ist Drum&Bass? Um jedoch nicht wie ein Tourist die halbe Nacht in Warteschlangen vor den Clubs zu stehen, oder mit bulligen Türstehern endlos rumzudiskutieren, habe ich mir einen Insider geschnappt: Damian Lazarus, 24. Tagsüber arbeitet er als Autor für das Magazin Dazed&Cunfused. Nachts ist er „New Beat“-DJ, vinlysüchtig und genau der richtige Typ für unser Unterfangen.

Jetzt ist er gerade weg. Ich quetsche mich durch die tanzende Menge, drängele durch die erste von drei weiteren Arkaden. Leere Pepsidosen liegen in den Durchgängen. Von links wummert mir Housemusik ins Ohr, von rechts Stakkato-Bässe. Und dort, mitten im Gewühl, kann ich seinen Hinterkopf ausmachen. Damian tanzt. Nein, eigentlich wippt er. Eine Bewegung, die auch mir nach zwei Stunden in die Motorik gefahren ist. Ist das Jungle? Damian schnappt nach Luft. „Nein, Drum&Bass. Die ruhigere Variante von Jungle. Sanfter, gesangslastiger und viel diffuser angelegt,“ brüllt er. Aha – ruhiger. Angefangen hatte unser Trip ins Londoner Nightlife vor acht Stunden, cool und zivilisiert.

Jazz Cafè, 20.00 Uhr. Heute Nacht spielt hier Charles Mc Pherson. Blaues Licht erhellt die Bühne. Punktgenau und mitreißend setzt die Band zum Finale an. Pause. Jetzt drängeln sich alle an der Bar. Das Jazz Cafe in Camden ist eins der legendären Konzert-Treffs für hochkarätige Jazzgrößen, seit kurzem aber auch für Newcomer wie etwa die House-Combo Faithless, die hier übermorgen nacht gastieren soll.„Die Leute quatschen zuviel“, mault Stammgast Tony, 32. Er spielt Stratosax in Sessionbands. „Ich mag es lieber ruhig: Hinsetzen, zuhören und relaxen.“

Über uns ist eine Balustrade mit Esstischen. Bestimmt hat man da einen klasse Ausblick, kann den Jazzern auf die Mütze spucken. Damian deutet auf die Säule hinter der Bühne, an die vier schwarze Buchstaben gemalt sind: „Weißt Du, was „STFU“ bedeutet?“ Ich erinnere mich an Tonys Beschwerde und rate „Shut The Fuck Up?“ Damian grinst.

Drei Häuserecken weiter: Ein stinknormaler Pub mit Holztresen, Art-Deko-Propellern an der Decke und ein paar alten Beatles-Fotos an den Wänden. Das Blow Up, Londons amtlicher Britpop- und Mod-Treff. Ein alter Diaprojektor wirft orangene und gelbe Blubberblasen an die Wand. Die DJs Martin Karminsky und Norri haben von ihrer kleinen Kanzel die volle Bar im Blick und musikalisch mit Rare Grooves, Soundtracks oder Swingbeat fest im Griff. Wem das kollektive Kopfgenicke hier unten zu lahm ist, kann auf der Tanzfläche im ersten Stock zu Indiemusik und Britpop abrocken. Und weil es heißt, dass auch gelegentlich die Musiker von Blur, Stereolab oder Pulp durch die holzgetäfelten Gänge latschen, frage ich Damian. „Jarvis Cocker?“ Er schüttelt den Kopf. Dafür sehe ich ein paar Punks. Die meisten geben sich hochmodisch und ganz Retro. Alles ist erlaubt, Hauptsache alt: Wildleder-Miniröcke, Super-Breitcord-Hosen, graue Anzüge, japanische Kaftane, Jackie-O-Kleidchen und viele, bunte Poloshirts.

Sophie, 24, swingt die Holztreppe runter. Sie kommt jeden Samstag her, zusammen mit ihrer besten Freundin Emma,19. „Früher war es exklusiver“ sagt Sophie und lästert: „Sorry-Ass-Mods. Sind doch alles bloß bourgeoise Gymnasiasten, die eben erst ihren 60ies Pulli gegen das Girlie-Shirt getaucht haben.“ Sophies Mittelscheitel sitzt genauso akkurat wie der von Emma.

Es ist inzwischen 23 Uhr, und wir stecken schon seit 20 Minuten im Stau. Auf dem Weg nach Soho, dem trendigen Bar-Viertel Londons, wie Touristenführer seit zwanzig Jahren behaupten. Heute nacht promenieren Touristen und Nightwalker vor bunten Bars, Videoläden, Kiosken, Restaurants und exklusiven Galerien auf und ab. Unser Taxi fährt in Zeitlupe. Zu Fuß ist man schneller. Wir springen in der Bateman Street raus. Direkt vor einer hellen, vollen Bar. „Das ist The Living Room“, erklärt Damian. „Genial zum Abhängen und Quatschen. Es gibt Kaffee und Sandwiches.“ Wir machen den Test: Können Briten Kaffe kochen? Hier ja. Das Gebräu ist stark und lecker, der Veggie-Burger kolossal.

Schräg gegenüber: Eine türkis-orange beleuchtete Bar, das „Rikki-Tiks“ – Treffpunkt der Medienszene. Zwei muffelige Türsteher bewachen den Eingang. Innendrin ein abstruses Gemix aus Achtziger Jahre-Design und Techno-Logos. Sieht aus, wie eins von Björks Plattencovern, warscheinlich von ihrer Agentur, der ME-Company, entworfen. Alles in türkis und rosé. Die Housemusik ist altbacken , und ich kann Türkis nicht ausstehen. Ein Mädchen trägt stolz ein Betty Ford-Klinik-T-Shirt an mir vorbei. Ein paar betrunkene Jungs aus der Werbebranche reden zu laut. Sonst passiert hier gar nichts. Solche Läden haben wir in Hamburg auch.

Ab nach Brixton. Wir versuchen, ein Taxi anzuhalten. Der erste Fahrer will uns nicht minehmen. Er hat Schiss vor der Gegend. Kein Wunder. Rassenunruhen und Kriminalität bringen den Stadtteil immer wieder in die Schlagzeilen. Vor dem Hintereingang der Brixton Academy sehen wir eine Riesenschlange. Unsere erste heute nacht. Wir ignorieren Fairness und drängeln vor. In dieser Riesenhalle spielen sonst die Stone Roses oder Motörhead vor dreitausend Kids. Heute nacht findet der Rave Megadog statt: Techno, ein ganz bißchen Drum&Bass und Live-Acts.

Seitdem die Briten vor zwei Jahren mit den„Criminal Justice Bills“ die Rave-Kultur unter gesetzliche Kontrolle bringen wollten, begleitet Großbritanniens Polizei jede Techno-Veranstaltung mit höchster Neugier. Trotz massiver Proteste in Form von Demos, TV-Spots oder CD-Sampler wurden die verschiedenen Artikel gegen „unkontrollierte Raves zu statischer Musik“, illegale Camper, Straftäter unter 14 Jahren, nicht zurückgenommen. Organisierte Parties, wie diese hier, sind jedoch mit Gästen erlaubt: Breitbeinig stehen Ordner und behelmte Bobbies mit Walkie-Talkies in der Gegend herum.

„Zurück!“, brüllt der Türsteher. Er ist doppelt so breit wie ich oder Damian zusammen. Mit dem unschuldigen Blick eines Kindes guckt er an uns vorbei, langt hinter uns und zieht einen Mann im beigen Kaschmirmantel und weißer Wollmütze zu sich hinüber. Schnell quetschen wir uns hinterher. Im Licht stelle ich fest: Es ist Musiker Mark Gilmour. Hypnotisches Gestampfe wabert uns entgegen. Also, los. Wir rollen die Academy von hinten auf. In einer großen Halle stehen an die tausned Leute vor einer Bühne. Dort oben spielen drei Jungs auf ihren Synthies angenehme Trancemusik. Vor der Bühne macht das Publikum einen auf „Woodstock“. Einige tanzen, hier und dort haben sich Sitzgruppen gebildet, ein paar stopfen Pfeifen, andere tauschen lächelnd Blicke und Blättchen. Irgendwo wuseln Animateure durch die Menge – verkleidet als überdimensionale, floureszierenden Pappmache-Gerbera. In der nächsten Halle tanzen etwa zweihundert Leute vor Alex Reece‘ DJ Pult. Mit hochgereckten Armen hüpfen und zucken sie zu Mix aus quengelnden Snares und wummernden Bässen. Arme, Köpfe und Füße im Einklang. Drum&Bass? Damian nickt. Nebel steigt auf: Blau, Rot, Grün. Ein Raver rammt mir seinen Ellenbogen in die Seite. Auf unserem Weg an die frische Luft bleiben wir an lauter bunten Buden hängen Doch leider ist bis auf den quietsch-orangenenTotenkopf und das Selbstfindungs-Seminar für Raver alles bloß der übliche Esoterik-Trash.

Nächster Stopp: Fantastic 2000. Der Club von Mr C (The Shamen) im The End, West Central sei laut Damian ein hipper Drag-Queen und Fetisch- Laden. Ohne Ordner, aber mit schärfster Drogenkontrolle an der Tür. „Entschuldige, hast Du vielleicht Nagellack?“ flötet mir ein Zweimetergeschöpf mit Ganzkörper-Netzstrumpf, Knackarsch, und hautenger Lederkorsage ins Ohr. Bevor ich reagieren kann, hat ihn seine „Freundin“ am Straps in die Toilettenkabine gezogen. Wie es aussieht, geht hier sowieso keiner allein aufs Klo. Damian hat Durst, aber nach drei Uhr morgens gibt’s keinen Sprit mehr: Sperrstunde. Aber immer noch besser als in den Pubs, die ja nun schon um Mitternacht den Zapfhahn abgeschlossen haben.

Erschöpft hocke ich mich neben eine Säule und betrachte Halbnackte. Auf halsbrecherisch hohen Stöckelschuhen gehen exotische Schönheiten durch den Club, mit weißen Medusenhauben oder grell-grünem Haar. Verhüllt von Strumpfmasken a la Posträuber Biggs oder von hauchzarten Leder-ChiChis. Doch die Atmosphäre ist relaxter und angenehmer als bei den beschlipsten Burschis in Soho oder bei den manischen Ravern in Brixton. Plötzlich ohrenbetäubender Krach. Hinter dem DJ-Pult dreschen drei Punks wie die Irren auf ihre Instrumente ein. Und eine Sekunde später wird lachend zu dem interessanten Gemix aus Rock, Punk und House weitergetanzt.

Inzwischen ist es fünf Uhr morgens. Wir sind im feinen Chelsea auf einem alten, großen Fabrikgelände. Adrenalin-Village gehört zu den „offiziellen“ Venues für Techno- und Goa-Parties. Heute nacht findet „Trance-Mission“ statt. Im Time Out stand, daß das hier ein „musikalischer Trip aus psychedelischem Techno, Goa-Party und indischem Chill-Out“ werden soll. Die Musik ist tatsächlich klasse. Doch in der abgerockten Fabrikhalle tanzen nur wenige. Der spärliche Rest sitzt auf leergeräumten Buden und wartet auf den Rausschmiß. An der Decke hängen silbrige Oktaeder, indische Gottheiten werden an die Wände projeziert.

Ganz hinten, im Chill-Out-Raum, ist es voller. Auf dem vesifften Teppichboden liegt ein Leib neben oder auf dem anderen. Zwei Bongospieler trommeln leise vor sich hin, und ein Hippie-Mädchen verkauft grünen Tee. Wir gucken wieder in die große Halle. Hinter den Plattenspielern wirbelt ein dürres, grauhaariges Männchen. Ich greife mir einen der blassen Jungs, die an der Box lehnen. „Das ist DJ Nick Sequenci“. Seine Pupillen sind groß wie Teller und er stottert. „The Shamen haben ihren Hit Ebenizer Good nach ihm genannt, “ erzählt er langsam. Das Sprechen fällt schwer. Ich will trotzdem klären: „Stand „Ebenizer“ in dem Song nicht in Wirklichkeit für E, für Ecstasy?“ Ja, die habe ihm seine Freundin vorhin einfach in den Drink getan. Vier Stück. Einfach so.

Damian zieht an meinem Ärmel. Die Jungs haben Hunger. Morgens um sieben in London.

Unser Wagen hält in der Brick Lane vor einer hell-erleuchteten Bäckerei. „Eine der Besten, aber mit dem schlimmsten Toilettenspiegel der Stadt,“ warnt Damian. Ich zucke mit den Achseln. Ohne Sonnenbrille gehe ich eh nirgendwo mehr hin. War das Partyvolk der letzten zwölf Stunden schon sehr gemixt, ist die Kundschaft vor diesem Tresen die absolute Krönung. Neben uns murmelt ein Putzmann irgendwas von Kartoffeln und Kontrolle immer wieder vor sich hin. Eine weißhaarige Dame mit Blümchenhut und ein dicker Typ in Jogginganzug kaufen Sonntagsbrötchen. Fünf belegte Baigels für drei Grunge-Jungs mit Nine-Inch-Nails-T-Shirts und beneidenswert po-langen Matten. Der Typ hinter uns faselt etwas vom Minstry Of Sound und fragt, wo wir denn gewesen seien. Ich kann mich an nichts mehr erinnern. „Überall“ sagt Damian und drückt mir einen weißen Styroporbecher in die Hand. „Kaffee!“ Wir brauchen eine Pause.

Sonntagnachmittag gegen 16 Uhr. Schon wieder Stau. Diesmal aber in Damains Auto. Das hat Musik und fährt auch nach Brixton. Mit lautem Tatütata bahnen sich zwei Feuerwehrautos den Weg neben uns durch eine Seitenstraße der Tottenham Court Road. Sofort fragt jemand „Is it a bomb?“ Damian setzt zurück und dreht sein neues Drum&Bass-Tape lauter.

Eine Stunde später haben wir es uns in plüschigen Sesseln bequem gemacht und hören HipHop. Der Club The Chase ist einer der sogenannten „mid-after-hour-venues“. Geöffnet Sonntags ab 14 Uhr, und auf zwei Etagen des Zelda‘s, einem typisch englischen Hotel. Wir sind im Keller. Die helle Art-Deko-Bar oben ist zwar freundlicher, aber keiner kann jetzt Housemusik ertragen. Hier unten sind sämtliche Sofas, Stühle und Sessel an die Wände geräumt worden. Wie bei einer Klassenparty sitzen vereinzelt Leute im Halbdunkel und gucken auf die noch leere Tanzfläche. Dunkles Parkett. Zwei DJs haben einen umgekippten Tisch mit einem Perserteppich zugedeckt und zum DJ-Pult umfunktioniert. Klasse HipHop.

Und ja, wir sind in England: Rugby- und Kricket- und Polo-Mannschafts-Fotos hängen an den Wänden. 1930, 1940, 1932. Ich greife mir einen Sunday Mirror und lese: „Let’s divorce on television“. Lady Di hat nicht mehr alle Latten am Zaun.

23 Uhr.  Wir stehen im Blue Note-Club in Islington und haben uns mit Goldies Stiefbruder Christian, 30, festgequatscht. Angeblich soll sich der Jungle-Musiker Goldie heute Nacht in seinem „Metallheadz“-Club blicken lassen. Das Familienunternehmen (Vater Gus Coral ist Filmemacher und entwirft die Plattencover, Christian kümmert sich im den Club, eine Ex-Freundin um das Label) ist am Nebentisch auch komplett – zusammen mit den beiden Jungle-Fachfrauen, den DJs Kemistry und Storm. Der dunkelrote Barbereich macht den Eindruck einer Soulfood-Kantine: Etliche Grüppchen palavern und essen an langen, gemütlichen Holztischen.

„Westindische Küche“ Damian balanciert einen Teller Reis mit Kidneybohnen, Hühnchen und irgendwelchem grünem Gemüse vor sich. Zu uns setzt sich Jerry, eigentlich „Mr.J“. Der Tänzer  kommt hier Sonntags am frühen Nachmittag zum Jazztanz her. Eben hat er aber bei der Technik mitgeholfen und erklärt kauend, warum die bei Jungle das allerwichtigste ist. „Der multioptionale Sound, bis in die letzte Ecke, von überallher müssen die Beats dich umhüllen,“schwärmt er.

Goldie will nur mit uns sprechen, wenn wir ihm ein Gramm Koks besorgen. Der Fotograf hat noch welches und rückt es mürrisch raus. Eine halbe Stunde später läßt sich Goldie vor uns mit einem müden Seufzer in den Bürosessel fallen. Seine bernsteinfarbenen Augen schimmern beinahe so hell wie die vielen Goldinlays an den Zähnen, die Klunker an Hals und Händen. Er berichtet von Razors Edge, dem neuen Remix-Label. Spricht hektisch und schnell, kein Wunder. Er redet von der Metallheadz-Tour, im Sommer auch in Deutschland. Verrät, daß er sich notfalls einfliegen läßt, nur um am Sonntagabend persönlich hier zu sein. Und ob wir uns nicht beeilen könnten, denn Zeit sei Geld und er habe heute Nacht noch mehr vor. Der Fotograf unterdrückt eine Bemerkung.

Gegen zwei Uhr morgens hege ich ernste Zweifel an Damians Zurechnungsfähigkeit. In Leuchtschrift steht vor uns: „Cats – The longest running musical in British History“. Ich hasse Musicals. Innen säumen großformatige Fotos mit statisch grinsenden Tänzern die Wand an der Rolltreppe. Hinter großen Glastüren öffnet sich aber ein Club. Er heisst The Talk Of London, und jetzt stehen wir in den Regency Rooms, hier gibt es eine EasyListening Show und After Show Disko in einem. Wir sind allerdings zu spät gekommen. Auf der Tanzfläche und an den Tischen sehen wir nur noch etwa fünzig Personen. Alle schick und farbenfroh hergemacht. Die Frauen mit Faconschnitt, die Männer fast alle mit schwarzen, samtenen Smokingfliegen und natürlich im Anzug. Keiner wirkt verkleidet. Hier meint man es ernst. Der DJ auch: Shaft meets Rare Grooves, jetzt spielt er „Black Rite“ von Mandingo. Das allerbeste sind aber die bodenlangen, weißen Ado-Schlafzimmer-Garnituren vor den hohen Fenstern.

An einem feinen Tisch entdecken wir Count Indigo, 31, laut Damian als einer der neuen Easy Listening Stars Londons, war mit seiner Debutsingle „My Unknown Love“ letzte Woche zum ersten Mal im Fernsehen.Er sieht lustig und symphatisch aus, mit leicht vorstehenden Zähnen, der Glatze und dem langen, gezwirbelten Schnurrbart. „In den meisten Clubs geht es nur um Bässe und Beats. Kaum einer spielt Musik, die die Melodie in den Vordergrund stellt. Das ist das ganze Geheimnis von Easy Listening.“, erzählt er.

Drei Uhr morgens. Erschöpft warte ich vor einem zirkuszeltartigen Tor auf Damian. Das war unser letzter Anlaufpunkt: The Big Picture im The Cross, Kings Cross. Ich bin müde. Die letzte Stippvisite in diesem sonntäglichen House-Club dauerte keine zwanzig Minuten. Weder die wunderschön blasphemisch-kitschige Einrichtung, noch der angenehme Sound können mit Badwanne und Bett konkurrieren. Zum Abschied streicheln wir den Bauch eines dicken, goldenen Buddhas am Ausgang. Er lacht und hat die Arme emporgereckt. Als wir auf der Rückfahrt „Kinky Reggae“ von Bob Marley hören, erinnert sich Damian daran, daß Londons beste Reggaeclubs immer Donnerstags sind. Und am gleichen Abend sei ja auch der „Speed“-Club von L.T.J Bukem und ob wir nicht vielleicht wiederkommen wollen, also nächste Woche. Oder gleich hierbleiben?

AREZU WEITHOLZ