(erschienen 2001 in einem Hamburger Nachrichtenmagazin)

Klangbasteln mit Tesafilm

Die isländische Band Sigur Rós begeistert mit höchst rätselhaften, sakral gefärbten Pophymnen Publikum und Kritiker.

Klammer auf, Klammer zu – wenn es einen Preis für den bizarrsten Titel eines Popmusik-Albums gäbe, hätten die Musiker der Band Sigur Rós beste Chancen darauf. Ihr neues Album nennen die Isländer schlicht „( )“, und konsequenterweise haben sie auch darauf verzichtet, den acht Songs ihres Werks Titel zu geben.

Reichlich seltsam gebärden sich die vier Mitglieder der Popgruppe auch an ihren Instrumenten. Mal wird eine Gitarre mit einem Cellobogen gestrichen, mal werden die Saiten eines Basses mit Trommelstöcken bearbeitet, der Sänger tauscht das Mikrofon gegen die Tonabnehmer seiner Gitarre. Das Ergebnis dieser Anstrengungen, die bei Konzerten wie neulich in der Londoner Royal Festival Hall mitunter von einem Streichquartett begleitet werden, ist eine donnernde und jauchzende Sphären- Symphonie.

„Isländer sind in allem exzessiv“, behauptet Sigur-Rós-Keyboarder Kjartan Sveinsson, 24, „egal, ob sie Kaffee trinken, Auto fahren, oder nur frei sein wollen.“ Wohl auch deshalb hat die Gruppe, die im Februar zu einer Tournee nach Deutschland kommt, kaum ein Stück im Repertoire, das kürzer ist als sechs Minuten.

Die Isländer entwerfen sakral gefärbte Pophymnen von imposanter Wucht. Die Londoner „Times“ pries das 2000 europa- weit erschienene Album „Ágætis Byrjun“ als Werk von „überwältigender emotionaler Ausdruckskraft“ und verglich die Lieder mit „epischen Abenteuern, welche die Erhabenheit klassischer Musik mit der physischen Erregung der Rockmusik verbinden“.

Zu schwärmerischen Kritiken brachten es Sigur Rós auch in den USA, wo sie überdies den frisch eingeführten „Shortlist Prize for Artistic Achievement in Music“ erhielten.

Zu Hause in Island feiert man das Quartett ohnehin als größte musikalische Sensation seit 15 Jahren, seit den Erfolgen von Björk und den Sugarcubes. „Ágætis Byrjun“ („Ein guter Anfang“) ging dort rund 20 000mal über den Ladentisch. Das heißt, etwa jeder 14. Einwohner Islands hat eins.

Sigur Rós besteht aus vier Mittzwanzigern, die, wenn sie nicht gerade auf der Bühne sind, wirken wie Schüler auf Klassenfahrt. Georg Holm und Jónsi Birgisson gründeten die Gruppe 1994, als sie noch zur Schule gingen. Später kamen Sveinsson und Orri Páll D⁄rason dazu. Der Name Si- gur Rós ist ein Wortspiel mit dem Vornamen von Jónsis kleiner Schwester Sigurrós.

An ihrem Debütalbum „Von“ („Hoffnung“) arbeiteten die Musiker drei Jahre lang. Zum Geldverdienen hatten alle vier damals andere Jobs: als Kindergärtner, in einem Supermarkt, beim Fernsehen, in einer Metallfabrik. Da blieb nur wenig Zeit für die Musik.

Durchschnittlich 500 Platten verkaufen isländische Bands, doch das führe, so behauptet Sveinsson, nicht zu harter Konkurrenz auf der Insel, sondern zu freundlicher Solidarität: „Die Musikszene in Island ist so klein, dass es gar keinen Sinn hat, gegeneinander anzutreten. Man hilft einander, tauscht Erfahrungen und Instrumente.“

Wenn Sigur Rós auf der Bühne im roten Scheinwerferlicht stehen, sehen sie aus wie Studenten im Physiklabor. Doch ihre Mu- sik gleicht eher der eines verwegenen Or- chesters, das majestätisch feine Lagen von Klängen übereinander schichtet. Um den Eindruck eines dicken Soundteppichs zu schaffen, klebt Sveinsson mitunter einige Tasten seines Keyboards mit Tesafilm fest.

Die Texte der Songs eignen sich selbst für die Landsleute der Musiker nur bedingt zum Mitsingen: Sie sind nicht in Isländisch, sondern in „Hopelandic“ geschrieben – einer Phantasiesprache, die mehr mit Lautmalerei als mit Wörtern zu tun hat. „Es ist wie bei einem Baby“, begeisterte sich ein britischer Journalist, „wenn es brabbelt, versteht man zwar nicht, was es sagt, aber man versteht, was es meint.“

Dabei erinnert die Falsettstimme des Sängers Birgisson in manchen Augen- blicken an lockende Sirenen – was aber auch prominente Fans wie Bruce Dickinson, den Sänger der englischen Heavy-Me- tal-Band Iron Maiden, nicht weiter beirrt.

Lieber als in Konzerthallen spielen Si- gur Rós in Kirchen. Nicht, weil sie besonders religiös sind, sondern, weil sie jene Orte schätzen, an denen noch andächtig zugehört wird. Denn wenn die Leute an der Bar stehen und reden, „dann hören sie ja nicht, wenn wir leise werden“, sagt Sveinsson.

Das Selbstbewusstsein der vier Jungs ist ähnlich monumental wie ihre Musik – möglicherweise eine Folge jener isländischen Mentalität, die von der Sängerin Björk mal anhand einer internationalen Umfrage zum Thema „Woran glauben Sie?“ erklärt wurde: „90 Prozent der Menschen sagten ,Allah‘ oder ,Gott‘. Die Isländer antworteten: ,An mich.‘“

AREZU WEITHOLZ