(erschienen 2003 in einer überregionalen Tageszeitung)

Nur die Queen spricht noch feines Englisch

Das britische Duo „Pet Shop Boys“ hat seit dem ersten weltweiten Erfolg „West End Girls“ Mitte der achtziger Jahre mehr als dreißig Hits geschrieben. Keine andere Popgruppe war bisher konstant so erfolgreich. Manche Leute sagen, das liege an Chris Lowes musikalischem Instinkt, andere machen die Textsicherheit des ehemaligen Journalisten Neil Tennant dafür verantwortlich. Gerade erschien das Doppelalbum „PopArt“ (EMI), ein Querschnitt aus ihrer fast zwanzigjährigen Karriere.

Mr. Tennant, welche Qualität müssen Worte haben, damit sie als Pop-Refrain taugen?

Neil Tennant: Wenn man sie ausspricht, müssen sie Rhythmus haben. Das ist das Allerwichtigste. Eine Redewendung kann musikalisch klingen. Wenn das der Fall ist, kann ich sie auch sofort singen.

Warum ist der Klang eines Wortes wichtiger als die Aussage?

TENNANT: Weil erst beim Hören das Denken einsetzt – und die Suche nach einer eventuell tieferen Bedeutung.

Sie sagten einmal, sie mögen karge, scharfe Worte. Wie meinten Sie das?

TENNANT: Ich benutze niemals exotische Worte. Das ist eine Regel. Obwohl bei unserer neuen Single „Miracles“ das Wort „Jasmin“ vorkommt. Ich finde, das ist ganz schön exotisch: „Jasmin“. Ich schrieb das aus einem gehemmten Poesie-Gefühl heraus. Ich wollte etwas erschaffen, das wie ein Sonett klingt, beeinflußt von Shakespeare. Sehr abstrakt, metaphysisch. Das tue ich normalerweise nicht.

Sie sagten auch, alle Ihre Lieder hätten auch eine journalistische Qualität. Warum?

TENNANT: Ein Journalist betrachtet, reflektiert und versucht, hinter die Oberfläche zu sehen. Er erzählt Geschichten.

Und mit dieser Haltung kann man gute Popsongs schreiben?

TENNANT: Als ich ein kleiner Junge war, las ich einmal etwas über John Lennon und das Lied „Strawberry Fields Forever“. Lennon sagte, er habe versucht, so zu schreiben, wie die Leute auch redeten. Fabelhaft! Seither versuche ich Worte zu finden, die man singen kann, die aber auch genausogut in einer Unterhaltung vorkommen könnten.

In Großbritannien war korrektes Englisch schon immer sehr wichtig, nicht wahr?

TENNANT: Ist korrekte Sprache nicht etwas Deutsches? Sie haben dieses Hochdeutsch. Ich habe nie verstanden, was das bedeutet. Hochdeutsch heißt: dialektfrei.

Chris Lowe: Oh, hier bei uns bekommen sie inzwischen keinen Job mehr ohne Dialekt. TENNANT: Jedenfalls nicht beim Radio oder im Fernsehen. Das erklären Sie bitte.

LOWE: Die einzige Person, die noch dieses piekfeine Englisch spricht, ist die Queen. Und selbst sie hat nachgelassen. Vergleichen Sie mal die Queen’s Speeches aus den fünfziger Jahren mit denen von heute. Die Sprache der Queen war früher feiner.

TENNANT: Im Radio ist es genauso. Die Discjockeys sprechen breiter, stakkatohafter und beinahe bellend. Das sind die nordischen Akzente aus Manchester und Newcastle.

Ist Englisch die Sprache der Popmusik?

TENNANT: Jein. Die Sprache der Popmusik ist Amerikanisch, nun, das ist ja auch eine Art von Englisch.

Doch warum mögen die Briten plötzlich Dialekte?

LOWE: Die Briten sind musikalisch. Jamaikanisches Englisch klingt wie Musik. Auch die asiatischen Varianten, die etwa im Drum ’n‘ Bass oft benutzt werden, diese Mischung aus Cockney-Dialekt und asiatischem Englisch.

Sie sind aus Blackpool, Mr. Lowe, und Sie, Mr. Tennant, stammen aus Newcastle, beides Gegenden, in denen Dialekt gesprochen wird. Sie haben aber keinen. Warum nicht?

LOWE: Unsere Mutter legte keinen Wert auf Spracherziehung. Es gibt dieses besondere Blackpool-Englisch, und dennoch spricht es außer meinem Bruder Greg niemand in unserer Familie.

TENNANT: Ich hatte gar keinen Akzent und wurde deswegen in der Grundschule gehänselt. Meine Aussprache klang für die Kinder nach feiner Mittelklasse. Ich erinnere noch, wie ich einmal beinahe geweint habe, nur weil sie mir sagten, ich spräche wie ein Schnösel. Dabei haben meine Eltern einen Newcastle-Akzent. Nur ich halt nicht.

Sie sagten einmal, Kontext sei alles im Rock und Pop. Warum ist das so?

TENNANT: Nun, durch den Kontext kann etwas Normales im Pop plötzlich außergewöhnlich werden. Und umgekehrt.

Sie sind momentan sehr oft in Deutschland. Hören Sie die deutsche Sprache eigentlich gern?

TENNANT: Früher gingen wir nach dem Pub oft in ein Londoner Kino, Paris Pullmann, weil dort merkwürdige Filme liefen. Ich erinnere mich noch an diesen wundervollen Film „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“. Ich liebte die Filme von Wim Wenders und Fassbinder. Sie wurden mit Untertiteln gezeigt. Und ich weiß, viele Briten denken, Deutsch sei eine rauhe, unsensible Sprache, weil sie so viele Kehllaute hat. Ich fand immer, Deutsch hat eine unglaublich romantische Qualität. Traurig und romantisch. „Kraftwerk“ klangen so.

LOWE: „Kraftwerk“ haben Pathos.

Wenn Sie Platten auflegen würden, wäre es also die deutsche Version von „Das Model“, nicht die englische?

LOWE: Ja, in jedem Fall die deutsche Version.

TENNANT: Bei unserer letzten Tournee bekam ich die Platte geschenkt, und ich habe sie verbummelt. Das ärgert mich wahnsinnig.

Sie haben auf Ihrer neuen Doppel-CD Ihre inzwischen zweiunddreißig Hitsingles in zwei Kategorien aufgeteilt: Pop und Art. Warum?

TENNANT: Wir haben das alles in fünf Minuten entschieden. „Pop“ sind die fröhlichen Lieder, „Art“ die dunkleren.

 

Interview: Arezu Weitholz