(erschienen 2014 in einer überregionalen Sonntagszeitung)

Wir haben ja schließlich nicht ewig Zeit

Wer mit Katholiken auf den Spuren des heiligen Sankt Patrick durch Irland pilgert, besinnt sich vor allem darauf, den Anschluss nicht zu verpassen

Montag. Der Weihbischof sitzt schon im Bus. Ich finde einen Platz rechts hinten, und noch bevor ich meine Jacke ausgezogen habe, spricht eine Stimme zu uns. Der Reiseführer erzählt, wie das Wetter heute wird, was wir alles vorhaben und berichtet erschüttert von dem gestrigen Fund einer Autobombe direkt an der Strecke des Giro D‘ Italia. Gerade will ich widersprechen, denn das stimmt so nicht, da sehe ich die betroffenen Gesichter der anderen Pilger-Reisenden und halte die Klappe. Hier geht es nicht ums Rechthaben, sondern um etwas anderes. Ums Pilgern. Was auch immer das ist. Wir fahren an Europawahl-Plakaten vorbei.

Bisher dachte ich, Pilger haben nur das Nötigste dabei, gehen zu Fuß, schlafen in zugigen Herbergen und haben irgendwann Visionen von dem vielen Alleinsein und der Anstrengung. Wir hingegen fahren im Reisebus durch Dublin und erfahren gerade einiges über die städische Wasserversorgung, die Bankenkrise, was „die Iren“ über „die Engländer“ denken, und nach einer Stunde wünsche ich mir, unser Reiseführer möge doch vielleicht einmal kurz die Luft anhalten, damit ich in Ruhe aus dem Fenster sehen kann. Dublin ist nämlich ganz hübsch.

Auf der Autobahn spricht der Weihbischof, der übrigens Wolfgang Bischof heißt, über Zeit und Raum. Dann singen wir ein Lied: „Lobet und Preiset Ihr Völker den Herrn“, dann beten wir für den heiligen Sankt Patrick und danach erklärt uns der Weihbischof die Unterschiede zwischen der katholischen und anglikanischen Kirche. Wir dürften die nächsten Tage auch jederzeit zu ihm kommen, wenn wir spirituelle Fragen haben. Er wirkt freundlich, fest, entspannt. Dann bedankt er sich für die Aufmerksamkeit, einige klatschen, andere dösen, und ich will gerade über diesen „kleinen Morgenimpuls“ nachdenken, da fängt der Reiseführer wieder das Reden an, jetzt spricht er über Normannen und Wikinger, dass „die Iren“ „den Basken“ gentechnisch am nächsten seien, dann geht es um Gewerbesteuer und Gesellschaftsformen. Der Bus brummt.

Um halb Elf stehen wir vor einem keltischen Hochkreuz in der Klosterruine Monasterboice und hören etwas über Rundtürme, dieser hier ist aus dem 10. Jahrhundert. Die Pilger latschen zwischen Gräbern herum und knipsen alte Steine. Die Sonne scheint. Dann müssen wir weiter, die Zeit drängt. Auf der Fahrt über die grüne Grenze erfahren wir, dass Elisabeth I. Nordirland entvölkert hat, Oliver Cromwell der größe Terrorist überhaupt war, dass die Protestanten heute noch die Schlacht von Boyne feiern. Dass Leute mit Fahnen im Vorgarten gewaltbereiter sind als Leute ohne Fahne, dass die Polizeistationen in Nordirland hässlich sind, und ob wir das auch spüren würden, wie beklemmend das hier sei. Ich sehe aus dem Fenster, da sind Schafe. Da ist es ruhig.

Wir halten in Downpatrick, 35 km vor Belfast. Das Besucherzentrum sieht von Außen aus wie ein runder Glasbottich. Drinnen schauen wir einen Film über St Patrick. Er wurde im 5. Jahrhundert als römisches Kind in England geboren, von irischen Piraten entführt, als Sklave nach Irland verkauft, hier hütete er Schafe, hatte eine Erleuchtung, er floh, wurde in Frankreich Priester, kehrte zurück und bekehrte die Iren. Ohne ihn gäbe es hier heute also keine Christen, keine Katholiken, keine Protestanten? Ob das Land dann friedlicher wäre, frage ich mich leise.

Wir laufen zur Down Cathedral hinauf und stehen bald auf einem Hügel um eine Steinplatte herum, hier liegt der Nationalheilige begraben. Der Weihbischof spricht ein Gebet. Wir ziehen unsere Kapuzen hoch. Tim, der Leiter des Besucherzentrums in Downpatrick, erklärt uns danach, es gebe in ganz Irland Orte, die man noch besichtigen könnte, weil sich so ziemlich jeder, der etwas von sich hielt, auf Sankt Patrick berief. Etwa Killala in County Mayo; dort endete seine Flucht vor den Sklavenhaltern. Eine Insel im See Lough Derg, wo sich eine Erdhöhle befindet, die Gott ihm zeigte, und die Dante zur göttlichen Komödie inspirierte. Der Berg Croagh Patrick, auf dem er 40 Tage betete und auf den heute jedes Jahr am letzten Sonntag im Juli etwa 25 000 Pilger hin- aufsteigen. Wir besichtigen die Down Cathedral, halten später noch an einer kleinen Kirche in der Nähe, der Saul Church. Hier ist es seltsam ruhig. Wir singen, beten, fotografieren, draußen leuchten die Hügel gold und grün und schwarz, dahinter ziehen Wolken auf. Ich würde gerne bleiben, aber der Bus wartet.

In der Werft am Hafen von Belfast wird gerade eine Bohrinsel überholt. Das gelbe Monstrum aus Stahl und Eisen steht da wie ein gigantischer Transformer. Wir halten vor einem riesigen Schiffsrumpf aus Metall, der im Boden feststeckt: das Titanic Museum. Eine Handvoll Pilger nimmt kurzentschlossen die Abkürzung durch die Ausstellung, was an und für sich schade ist, und rennt im Marschtempo zum Café. Sie brauchen eine Pause. Ausserdem verstehen sie nicht, was ein Museum mit Pilgern zu tun hat. Ist die Titanic eine Metapher fürs Leben? Ist Gott ein Eisberg? Auf dem Weg zum Hotel spielt uns der Reiseführer Musik vor: Loreena Mc Kennet. Ich bin zu schwach, um mich zu wehren.

Dienstag. Im Foyer des Dunadry Hotels sieht es aus wie in einer Ritterburg, nur eben mit einem langgezogenen Wohnzimmer und Ölbildern aus dem neunzehnten Jahrhundert. Hier haben wir gestern noch gelernt, dass wir sehr wohl Pilger sind, denn wir haben einen Bischof dabei. Das Wesentliche an einer Pilgerreise ist nämlich die geistliche Begleitung, es muss auch nicht zwangsläufig eine Wanderreise sein, man kann auch Bahn fahren oder E-Bike. Und ja, wir würden auch noch etwas wandern, aber im Wesentlichen sei unsere Reise eine Mischung aus dem, was das Bayerische Pilgerbüro so anbietet. Pro Jahr organisieren sie etwa 300 Studien-, Wander- und Pilgerreisen in der ganzen Welt – mit dem Ziel, Menschen beim Pilgern zu helfen, die das alleine nicht können. Ein Drittel sind Studienreisen, den größten Umsatz bringen Frankreich mit Lourdes und Italien mit Rom, im Kommen sei der Franziskusweg, der sei aber noch nicht vollständig kartografiert, auch der Ignatiusweg könnte bald interessant werden. Im Bus verteilt der Referent des Bischofs Liederhefte, beim „Morgenimpuls“ geht es um Gegensatzpaare, wir singen und der Bischof spricht über das Verzeihen.

Belfast. Unser Taxi ist grün und wird von Eamonn gefahren. Zuerst hält er an der Shankhill Road, wo wir aussteigen und uns bemalte Häuserwände auf der protestantischen Seite Belfasts ansehen, dann halten wir an einer Friedensmauer, von denen es 44 in der ganzen Stadt gibt. Sie teilen Republikaner-Viertel von Loyalisten-Vierteln, katholische Gegenden von protestantischen, sie sind bemalt wie die East Side Gallery und etwa doppelt so hoch wie die Berliner Mauer. Eigentlich sollten sie 1969 nur ein paar Jahre stehen. Wir laufen viel, uns wird viel erklärt, jedes Mal von einem anderen Taxifahrer, dann halten wir an einer katholischen Grabstätte von IRA Mitgliedern an der Bombay Road, die Tour endet an der Falls Road. Als wir in den Bus steigen, um weiterzufahren, nieselt es. In meinem Kopf implodiert eine Informationswolke, schon jetzt weiß ich nicht mehr, ob die geschlossene, rote Hand von Ulster auf der Fahne ein Symbol für die UDA war oder für die UFF. Ich erinnere mich an Allister, der heute 60 ist, und der als Teenager seinen besten Freund tot in einem Graben auffand, gleich hinter der Shankhill Road. Solche Geschichten haben viele, sagt er. In fast jeder Familie wird man jemanden finden, der jemanden verloren hat, oder jemanden kennt, oder der bis heute nicht weiß, was mit seinen Angehörigen passiert ist. Die damals verschwundenen Menschen heissen “ Disappeared“, und erst neulich wurde Sinn Fein Führer Gerry Adams beschuldigt eines dieser Verbrechen befohlen zu haben. Nachdenklich sitzen wir im Bus. Aus den Boxen klingt Orinoko Flow von Enya. Über Land fahren wir nach Westen. Vor uns reißt der Himmel auf. Sanft gewellte Hügel, grün in allen Tönen, hier gibt es keine flachen Felder, sondern hügeliges Grasland, viele, dicke Bäume, und unser Reiseführer tut, was er am liebsten mag, er spricht. „Die Iren“ seien nicht regierbar. „Die Iren“ nähmen das Gesetz nicht so ernst. Die beiden Pilger hinter mir schlafen. Es ist ein bißchen wie auf Klassenfahrt, wo es der Lehrer gut mit einem meint.

In Armagh steht die Rathausuhr auf sieben Minuten vor 12. Der Ort gilt als „spirituelle Hauptstadt“ Irlands, denn es gibt hier zwei Kathedralen, eine anglikanische und eine katholische, und das hiesige Kloster ist einst von St Patrick gegründet worden, sagt man. Als wir die katholische Kirche betreten, lächelt der Bischof: „Jetzt bin ich aber schon ein bißchen froh, dass wir hier sind.“ Wie auch in der anglikanischen Kathedrale hängen hier Flatscreens hinter den Säulen, aber alles ist größer, goldener, beeindruckender – und neuer. In der anglikanischen liegt ein tausend Jahre alter König begraben, diese hier wurde 1904 eingeweiht. Vor dem Fresko in der Marienkapelle frage ich den Bischof, ob es ein Gebet gibt, wenn ich hier für einen Verstorbenen eine Kerze anzünden möchte. Er antwortet: „An den Menschen zu denken, wenn man die Kerze anzündet, das reicht eigentlich schon. Das Absichtsvolle schafft die Verbindung.“ Neben den Teelichtern gibt es eine Wand mit zahllosen Glühlampen. „Das ist ja sehr italienisch hier,“ sagt er dann. Ob das in Rom auch so sei: man knipst Glühlampen an anstelle von Kerzen? „Ja,“ sagt er betrübt, „schrecklich, aber zahlen darf man dann trotzdem.“

In Irland gibt es keine Kirchensteuer, alle Bauten und Gehälter finanzieren sich über Spenden. Doch die Besucherzahlen sind rückäufig. Laut einer Umfrage in Nordirland gehen nur noch etwa 30 Prozent der Katholiken jede Woche zur Messe. Bevor wir gehen setzen wir uns und beten ein Vaterunser und ein „Gegrüsset seist Du, Maria“. Im Bus sollen dann die Pilger entscheiden. Wenn wir nicht um 19.30 in Sligo seien, gäbe es erst wieder um 21 Uhr einen Platz im Restaurant, sagt unser Reiseführer, denn wir seien wieder mal viel zu spät. Deswegen lassen wir das Grab von William Butler Yeats links liegen. Erstens haben alle Hunger, zweitens ist er da vielleicht gar nicht begraben (sondern in Frankreich) und drittens kennt den eh keiner, finden viele. Ich schlafe ein und verpasse den nächsten Vortrag unseres Reiseführers. Als ich aufwache, halten wir vor einem riesigen Renaissance-Gebäude. 1855 war es eine Nervenheilanstalt, heute ist es ein Hotel. Wir sollen aufpassen, dass wir uns nicht verlaufen, werden wir gewarnt. Nach dem Abendessen trinken die Pilger Jameson Whiskey. Draußen geht ein runder, heller Vollmond auf. Franziskus von Assisi hätte bei diesem Anblick die Glocken geläutet.

Mittwoch. Alle haben hervorragendgeschlafen, sagen sie beim Frühstück. Im Bus spricht der Bischof einen Segen, alle sind gut drauf, denn heute dürfen wir endlich an die Luft. Wandern und Pilgern seien übrigens vom Tun schwer zu unterscheiden, sagt der Bischof, doch ob man beim Wandern betet oder beim Beten wandert, käme aufs Gleiche raus. Jeder entscheide, als was er unterwegs sei. Unser heutiger Impuls befasst sich mit Kundschaftern, mit dem Blick für das Besondere. Im Bus geht es allerdings den ganzen Vormittag um Elfen, Windkrafträder, Piraten, Goldadern und Nomaden. Ich sehe aus dem Fenster. Die Gegend wirkt bergiger, grauer, es gibt mehr Steinmauern, auch Wildbäche, und es ist nicht mehr so licht. Die Bergspitzen verschwinden im Nebel, grellgelb blüht der Ginster, neben uns taucht ein Fjord auf, wir halten. Auf dem Parkplatz wird der Bischof von einem Ehepaar aus Oberammergau erkannt. Die sind unterwegs mit der Agentur „Berge und Meer“, und sie fahren für 849 Euro pro Person und Woche ebenfalls kreuz und quer durch die Gegend, aber ohne Bischof.

Keiner wusste, warum die Schafe in Irland rote Flecken tragen.

Als wir etwas später im Nieselregen den Fjord entlangwandern, würde ich mich gern von meiner Gruppe absetzen, aber es gelingt nicht. Irgendwer holt mich immer wieder ein. Dauernd bleibt ein Pilger stehen und fotografiert ein Schaf oder einen Baum oder die Austernbänke im Wasser. Dann kommen wir an ein Gatter und müssen umdrehen.

Am Nachmittag besuchen wir Kylemore Abbey, eine herrschaftliche Abtei an einem spiegelglatten See. Wir essen, haben eine halbe Stunde Zeit zum Besichtigen. Auch hier versuche ich, etwas Besonderes zu finden und marschiere eilig zum viktorianischen Garten, denn um halb Drei fährt der Bus wieder, bis ich plötzlich atemlos zwischen zwei dicken, alten Kiefern stehenbleibe. Was mache ich hier eigentlich? Seit drei Tagen hetze ich von einem Ort zum andern. Einige haben mit St Patrick zu tun, andere nicht. Zwischendurch fahre ich mit einem Bus wie auf Butterfahrt durch die Gegend, und nie ist es leise, ich weiß ja noch nicht mal, ob ich gerade im Westen bin oder im Norden, und mit einem echten Iren habe ich auch noch nicht gesprochen. Ich schaue auf die Uhr und denke: „Was solls. Dann eben kein viktorianischer Garten. Dann eben dieser Baum.“ Plötzlich geht es mir wieder gut. Am Abend finde ich in der Broschüre des Pilgerbüros ein Zitat des heiligen Bernhard: „Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst.“

In den darauf folgenden drei Tagen macht mir weder das Geplapper noch die Hetze etwas aus. Wir besuchen ein Torfgebiet im Westen, essen hochprozentigen Potcheen Kuchen, besichtigen die uralte, leider überlaufene, Klosterruine in Conmacnoise, feiern eine Messe in der kleinen Dorfkirche von Shannonbridge, drängeln uns mit deutschen und italienischen Touristen in Galway um ein Frühstücksbuffett, blicken von Balkonen auf Autobahnen und Grasland, wir spielen mit Iren auf der Straße Mandoline, besichtigen das schöne Schloss der Talbots in Mahalide und essen dort köstliche Käsetomaten-Scones mit Chutney und langweilige Lammkeulen in Donnybrook. Zwischendrin spreche ich in einem gemütlichen Pub mit dem Bischof über politische und private Dinge, wir besuchen den ältesten Baum Irlands und das Priesterseminar in Maynooth, brechen auf Landstraßen den Geschwindigkeitsrekord im „Über Huckel fahren“, besichtigen in Rekordzeit die Guiness Brauerei, in der sich viele Pilger von den lauten Fernsehern, den sprechenden Bildern und den Kopfhörern kakophonisch gefoltert fühlen. Dass wir es dauernd eilig haben und ständig wer redet, macht nichts – auch nicht, als wir am letzten Tag am Hafen in Howth ankommen.

„Oh wie süß, Seelöwen!“, ruft eine Pilgerin und rennt an den Kai. Die anderen stürzen hinterher. Sie fotografieren. An der Mauer stapeln sich grüne Netze stapeln, dahinter liegen die „Mater Dei“, die „Nausicaa“ und die „Sharlisa Sligo“ vor Anker. Ein Seemann streicht gerade die Reling grau. Rechts sitzen Leute in Fischrestaurants in der Sonne, und auf der „Bridget Carmel“ hockt Derek auf einem Berg von Netzen und raucht erschöpft eine Zigarette. Er war gerade sieben Tage auf hoher See, ein guter Fang: Sechs Tonnen Seezunge und Seeteufel. Ein Drittel davon wird nach Belgien verkauft. Gestern hat er zuviel Bier getrunken, grinst er. Morgen muss er wieder raus. Ob ich Fische mag, fragt er dann. Ja, sage ich. Eigentlich wäre das jetzt ein guter Moment um zu bleiben. Der Bus wartet. Egal.

AREZU WEITHOLZ