(erschienen 2009 in einer überregionalen Sonntagszeitung)

Der helle Wahnsinn

Bässe gegen die Blässe: Bevor es wieder kalt und dunkel wird, feiern die Finnen den Sommer als wäre er ihr letzter

Es ist hell. Jugendliche sitzen zwischen Grabsteinen auf dem Rasen des Ruttopuisto-Parks, der von den Einwohnern Pesthügel genannt wird. Leise spielen sie Gitarre. Vor der Bar des Hotels „Klaus K“ stehen hübsche Mädchen in weißen Kleidern. Eine Gruppe betrunkener Teenager stolpert mit einer gewissen Eleganz an ihnen vorbei. Es ist halb elf Uhr abends in Helsinki, und die jungen Menschen haben eine Aufgabe: den Sommer.

Weiter oben am Berg lehnt eine Banane an einer Laterne und raucht eine Zigarette. In ihr steckt ein Junge um die zwanzig, dünne Beinchen ragen aus dem gelben Kostüm. Er dreht sich zu seinen Freunden um, sie grölen, dann trotten alle den Hügel hinab. Ein Junggesellenabschied.

In Helsinki wohnen so viel Leute wie in Hannover, um die 550 000, die meisten sind zwischen zwanzig und dreißig. Vor der Eisentür des „Tavastia“ stehen blasse junge Männer und rauchen. Mikko und Markus Joensuu sind Brüder, sie und ihr Freund Risto nennen sich Joenssuu 1685 und sind die momentan angesagteste Indierockband Finnlands. Ihr Stil ist ein Mix aus Krautrock und Radiohead, mit Flächen, so weit und lang wie das Land. Mikko trägt eine Gitarre um den Hals, in einer Hand ein Tamburin, mit der anderen spielt er Keyboard. Ein Zittern durchfährt den schmalen Sänger, geht durch den ganzen Körper. Weiche Melodien liegen über düsteren, monotonen Bässen, als wären es Sonnenstrahlen, die auf kühlen Seen herumtanzen. Später, auf einer schmutzigen Treppe hinter der Bühne, sitzen sie dann. Höflich, freundlich. „Ich seh Bilder, und die singe ich“, erklärt Mikko. Sein Vater ist Pastor der Pfingstkirche, und Risto studiert Theologie. Doch es ist nicht Glaube, der sie treibt, es ist das Land, das sie erdet, sagen sie.

Finnland ist so lang wie Deutschland, aber schmaler, und es leben hier fünf Millionen Leute, das heißt, sie haben Platz. Für Sommerhäuser am See. Für Wälder, für das weite, flache Land im Norden, und sie haben Raum für Melancholie. Es ist völlig normal, ab September schlecht drauf zu sein, und das bis wenigstens März, erklärt die Fremdenführerin Lisa am nächsten Morgen auf dem Weg vom Design Forum zum Hafen. „Ab dem zweiten Weihnachtstag fangen wir an zu zählen. Heute ist es eine Minute länger hell, morgen zwei Minuten. Dann drei.“

Die Mythen der „Kalevala“, des finnischen Versepos, wurden mündlich überliefert und erst vor 150 Jahren aufgeschrieben. Es heißt, eine gigantische Eiche nahm dem Land das Sonnenlicht, bis ein Mann aus dem Meer stieg und sie umhaute. Zu jeder Geschichte gibt es mehr als eine Version, und alle beschäftigen sich mit der Natur, Licht und Dunkelheit, dem Gefühl des Verstoßenseins und dem der Versöhnung, mit dunklen Grotten und hellen Wiesen, mit zornigen Männern und milden Mädchen. Das Design des „Klaus K“ ist davon inspiriert. Im Ateneum gibt es eine umfangreiche Ausstellung zur „Kalevala“, und auch die Designfirma Marimekko greift sie auf – auf Tassen, Tellern, Stoff. Der Hit der Sommerkollektion aber ist eine Kuh.

Man sagt, das finnische Design brachte Freude in die Haushalte der Finnen, durch das bunte Glas, die weichen Formen, die hellen Stoffe. Im Studio des Malers Jaakko Mattila liegen bunte Fliegenfischköder auf einer Reisetasche. Vor zwei Tagen war er noch Fliegenfischen in Lappland. Saukalt war es, deswegen hat er jetzt Schnupfen. „Man sieht dort die Farben und das Licht, wie sie wirklich sind.“ Bis vor kurzem malte Mattila Kreise, er benutzte Aquarellfarben, und die Farben liefen aus den Kreisen heraus, als wollten sie am Bildrand Wurzeln schlagen. Momentan malt er mit einem russischen Zeichenkreisel, einem Gyroskop. Er malt in Paaren, immer zwei, ein dunkles und ein helles. „Licht und Dunkelheit sind miteinander verheiratet.“ In Finnland eine ungleiche Ehe, nur wenige Monate, von Mai bis August, ist es warm und hell.

Mattila hat ein Studio in Suvilahti, einem ehemaligen Hafengebiet, das wie auch die Gegend um die ehemalige Kabelfabrik Kaapelitehdas neu genutzt wird – Ateliers für Künstler, Theater, Sportschulen, Fotografen, in Suvilahti haben sie sogar ein paar Dichter.

Der Direktor des Geländes heißt Stuba Nikula und hat früher Konzerte organisiert. „Finnische Punkmusik klang immer so gut, weil die Musiker ihre Instrumente stimmen konnten.“ Der Staat fördert die musikalische Ausbildung der Kinder früh. Jean Sibelius ist eine Art Nationalheld, allein in Helsinki gibt es vier Orchester, das der Stadt, das des Rundfunks, das der Oper und das der Sibelius-Akademie. Dann erzählt er, dass die Gegend in Kallio im Osten abgerockter und szeniger ist als die Stadtteile Kamppi und Kaartinkaupunki, wo es keine Graffiti gibt, keine ranzigen Poster an schmutzigen Hauswänden, weil das verboten ist in Finnland. Dass er für die Kabelfabrik mehr als 300 00 Euro Heiz- und etwa 280 000 Euro Stromkosten pro Jahr ausgeben muss. Und etwa, warum die Leute im Sommer so oft und so intensiv flirten wie es geht. Sie laden sich auf wie eine Batterie, denn im Norden des Landes wird es im Winter bis zu minus vierzig menschenfeindliche Grad kalt. Kein Wunder, dass die Natur ein Thema ist, wenn man sich dauernd gegen sie wehren muss.

Auf der Dachterrasse im Hotel „Torni“ sitzen Touristen und schauen auf die Stadt. An schönen Tagen kann man bis nach Tallinn sehen, heißt es. Am Töölönlathi sieht man das weiße Opernhaus. Direkt gegenüber erhebt sich eine weiße Holzvilla zwischen grünen Bäumen. Das ist eine Residenz für Autoren, die hierherkommen, um zu dichten. In der Ferne leuchten die Lichter des Vergnügungsparks Linnanmäki (Borgbacken), ein Riesenrad dreht sich in der Ferne. Unten, auf der Straße, fährt ein Auto über einen Zebrastreifen, ein Passant springt zur Seite. Es ist seltsam. An einer roten Ampel bleiben hier alle stehen. Zebrastreifen sind hingegen unsichtbar. Das Nachtblau des Himmels strahlt, es ist 23 Uhr.

Auf dem Weg nach Turku, der ehemaligen Hauptstadt Finnlands, sieht man grünes Land. Man fährt vorbei an hellen Birken mit weißen Stämmen und hellgrünen Blättern, umrahmt von tragischen Tannen, die duster und stur ihre stachligen Nadeln in die Gegend strecken, wie um daran zu erinnern, wer das letzte Wort haben wird. Auf dem Marktplatz in Turku steigen Familien in den Bus nach Moominland. Der Themenpark der Geschöpfe der finnischen Autorin Tove Jansson ist so eine Art Legoland, nur wohnen da eben Moomins, bärengroße weiße Wesen mit nilpferdhaften Schnauzen, die nicht sprechen, nur kuscheln. Kinderlieder wehen durch den Bus, er fährt an den Schären vorbei nach Naantali, einem kleinen Küstenort, in dem viele wohlhabende Finnen Sommerhäuser aus Holz haben. Man geht über einen Steg auf eine Insel, die aus Wald besteht, und dort gibt es bunte, windschiefe Häuser, Buden mit Eis, Pizza und Andenken und das Dorf der Moomins mit Knast, Bootsanleger und Wildwasserbrücke. Moomins sind freundlich, doch das disneyhafte Auftreten täuscht. Sie rauchen, und sie trinken Kaffee, und es ist nicht immer alles dufte. Jansson beschrieb das Helle, aber auch das Komplexe, Gebrochene in der Welt, kindgerecht und klug. Wie auch Sibelius wird sie hier verehrt. Ein Moomin winkt einem japanischen Mädchen zu, es lässt sich in die Arme des weißen Riesen fallen und drückt ihn fest.

Mehr als einer in Helsinki warnte vor Turku: „Tagsüber langweilig, nachts der Untergang.“ Doch am Abend geht man durch die Stadt und wundert sich. Wo sind die gefährlichen Longdrinks, die abgründigen Schnäpse, das große schwarze Loch der Nacht? Es gibt Secondhand-Büchereien, Kaffeehäuser, Eiswagen, schöne Schiffe, viele Schiffe, denn an diesem Wochenende ist hier das Tall Ships’ Race.

Am Strand von Turku wurden Pavillons und Holzhäuser in den Wald gebaut. „Uittamon Lava“ ist ein alter Humppa-Tanzclub. Humppa heißt „Schlager“ und ist eine Art finnischer Foxtrott, der stampfend getanzt wird, weil der Rhythmus so schlicht ist. Heute aber findet hier das Ilmiö!-Festival statt, eine alternative Sommerparty mit finnischen Künstlern, die elektronische Jazzmusik machen und seltsame Klänge produzieren, für die es keine Namen gibt. Jenny und Iani von der Band Staryoustarme sitzen an einem weißen Gartentisch vor einer Landschaft aus Himmel, Wald und Wasser. Viele hippiehaft gekleidete Menschen laufen durch die Gegend und die umliegenden Schonungen. In einem Holzhaus steht buntes Gerümpel auf Tischen. Ein umgekipptes Kinderfahrrad, eine Platte mit Schaltern und Kontakten. Es sind selbstgebaute elektronische Instrumente. „Ploink“, macht das Raumschiff. Der Finne legt es wieder auf den Tisch.

Die Gruppe Bugari Ormond besteht aus zwei Jungs. Der eine sieht aus wie ein Hillybillyboy und spielt E-Gitarre. Der andere trägt ein knallrotes Cowboyhemd, steht vor Rüschengardinen neben einem rosa Plastikblumenbaum, das Bild eines galoppierenden Pferdes hängt am Keyboard, das so klingt, als habe er es von Jean Michel Jarre gepumpt. Ihre Musik ist eine Mischung aus Country, Disko und New Age. In ihren Texten geht es um einen Alien, der auf einem Mondstrahl in den finnischen Sumpfnebel reitet. Ein Besucher stellt sich vor die Band, schaut zu Boden, beugt ein Bein und stapft mit dem anderen ringsum um sich, dabei schwankt er und wackelt mit den Armen im Takt, langsam, vorsichtig. Jetzt kommt ein zweiter, er tanzt genauso. Zeitlupenpogo.

Um Mitternacht warten junge Leute vor dem klubi. Sie wollen zum elektronischen Musikfestival, Turku Modern. Drinnen spielt Kompleksi, ein Männertrio, das sich kleidet wie die Sisters of Mercy, schwarz, mit verspiegelter Sonnenbrille, blass. Der Sänger könnte Autohändler sein oder Wirt. Er singt wie ein trauriger Russe, der Keyboarder verhaut sein Instrument. Wieder ist die Musik eigen, lehnt sich an Bekanntes, macht aber etwas anderes daraus, etwas Finnisches, das mit Wehmut zu tun hat und mit Distanz. Mehr Leute trinken mehr. Oben spielt die

Gruppe Clouds laute Breakbeats, ein zartes Mädchen singt dazu liebliche Melodien, später werden im Keller bunte Regenbögen aus Neonlicht an die Wand geworfen, die Leute noch mehr trinken, die Farben werden greller werden, die Besucher zum Rauchen hinausgehen, Jenny wird ihren Kumpel Berto umarmen, weil der neulich eine so schöne Kolumne in der Zeitung geschrieben hat, über den Selbstmord eines Künstlers, und Berto wird in seiner Armeejacke dastehen und andere Freunde werden vorbeilaufen und ihn fragen – nicht ob, sondern was er trinken will –, und dann kriegen plötzlich alle wieder diesen Durst, den Durst nach Sommernacht und mehr Wodka und Bier und mehr Musik, und später, wenn alle so viel getrunken haben, bis sie nicht mehr können und noch ein bisschen mehr, werden sie durch die kleine Stadt laufen und bei einer Brücke ihre Freunde finden, die da auch schon sitzen, und dann werden sie weitertrinken und etwas singen, und irgendwann geht die Sonne auf, und jemand wird sagen: Es ist hell.

AREZU WEITHOLZ