(erschienen 2000 in der Süddeutschen Zeitung, Feuilleton)

Die Seele fängt bei der Hüfte an

Voodoo und anderes dummes Zeug: Der amerikanische Soul-Sänger D’Angelo in Hamburg

Gegenüber dem Konzertsaal Große Freiheit steht eine Kirche. Glocken läuten. Es ist halb zehn Uhr abends. Menschen verlassen das unscheinbare Gotteshaus. Auf der anderen Straßenseite warten andere wiederum auf Einlass. Heute Nacht spielt dort D’Angelo sein einziges Deutschlandkonzert. „Solange georgelt wird, geht die Kirche nicht aus“, hat der Fussballfunktionär Gerhard Mayer-Vorfelder einmal gesagt. Wie auf sein Geheiß öffnen sich nun die Türen der Großen Freiheit.

D’Angelo ist ein Soulmann. Er hat zwei Alben aufgenommen, beide gelten als Meilensteine schwarzer Musik, das erste heißt „Brown Sugar“, das zweite „Voodoo“. In Deutschland ist er längst nicht so bekannt wie zu Hause in Amerika, aber durch ein Musikvideo aufgefallen: „How Does it Feel“, das ihn allein von der Hüfte an aufwärts zeigt und sonst nichts. Genau so musste sich Elvis bei einer Fernsehübertragung Ende der fünfziger Jahre filmen lassen. Bei D’Angelo hingegen verwandelt sich die Zensur in ein Stilmittel der Erotik, denn die Kameraführung dehnt den Begriff „Hüfte“ bis zum äußersten aus. Alles an ihm ist entweder nackt oder verschwitzt oder definiert, und während man das so anschaut, lächelt er versunken und selbstverliebt und singt dann von Voodoozauber.

Voodoo, denken wir, ist dummes Zeug, eine große, rumpelstilzchenhafte Schweinerei mit viel Blut und außerhalb von Haiti sowieso wirkungslos.

Das Konzert beginnt. Zwölf Mann, die den einen umrahmen wie drei Jahrzehnte schwarze Musik, stehen auf der Bühne. Sie wirken lässig, lächeln und spielen sofort so laut, dass man ahnt, hier geht es um Funk in seiner reinsten Form. Der Pop-Theoretiker Rickey Vincent beschreibt das so: „Funk ist ganz weit oben, aber auch tief unter der Erde, beim Bass. Funk ist das Extrem von allem. Er ist heiß und dennoch cool. Primitiv und raffiniert. Erst einmal losgelassen, kann er nicht mehr ignoriert werden. Funk ist der Moment vor dem ersten Kuss.“

Mit D’Angelo und seiner Band würde sich Vincent heute Abend prima verstehen. So wie James Brown in den Sechzigern die Bombe des Funk über Amerika hochgehen ließ, schreit und tanzt D’Angelo nun, fleht und improvisiert, als würden Prince, Otis Redding, Marvin Gaye und alle schwarzen Soulmänner auf einmal in ein und derselben Person um die Wette singen. Der Schlagzeuger, der Mitglied der Hip-Hop-Gruppe The Roots ist, trägt eine verspiegelte Sonnenbrille. Er bewegt seinen Kopf wie Stevie Wonder, sodass sie ihm wieder und wieder herunterfällt. Jetzt sieht man nur noch das Weiße in seinen Augen. „Die haben was genommen“, sagt jemand im Saal zu seinem Nachbarn. Der hört nicht. Er tanzt. Die Leute sind in Wallung. Sie winken mit ihren Armen wie Fluglotsen und schreien. So betrunken kann ein Punkrocker gar nicht sein, dass er es wagte, einen Purzelbaum in ein Hamburger Publikum zu schlagen. D’Angelo landet aber sanft in den Armen seiner Fans, die ihn zurück auf die Bühne tragen, woraufhin er sich das T-Shirt vom Leib reißt und eine Trommel kaputthaut, weswegen alle nur noch lauter schreien, auch die Hamburger Hip-Hop-Prominenz.

Und dann machen alle ihre Hausaufgaben: Funk auf allen Ebenen, Ursachenforschung in Sachen Rhythmus. Irgendwann wirkt die Große Freiheit tatsächlich wie eine Scheune im Mississippi-Delta und die vielen Fluglotsen wie eine Gemeinde. Das liegt an den Musikern, die wie eine Gruppe Gläubiger in einem privaten Gottesdienst demonstrieren, dass es die Vereinigung von Körper und Geist, die Botschaft des Funk, wirklich gibt. Lächelnd, lässig und laut.

Nach zweieinhalb Stunden beenden die dreizehn ihren Auftritt mit einem infernalischen Finale, eine Minute vor Mitternacht. Draußen warten die meisten noch, bevor sie nach Hause gehen. Sie wirken verstört, angenehm erleuchtet. Man kann jetzt nicht in eine Kneipe auf St. Pauli, eierlose Beatmusik hören und über Fußball reden. Man muss jetzt sofort nach Hause, eine Kerze anzünden und weiterbeten. Oder besser: Man stellt sich unverzüglich auf einen Karton an die Reeperbahn und predigt dummes Zeug: Voodoo.

AREZU WEITHOLZ