(erschienen 2013  in einer überregionalen Sonntagszeitung)

In der Blaupause

Blechtrommeln im Wind: Auf den Bahamas gibt es das Abenteuer Karibik in feinen Dosen

Die „Aida“ ist schon da. Müde plätschern Wellen an den menschenleeren Strand des „British Colonial Hilton Nassau“. Möwen kreischen. Eine Taube ruft. In langsamster Zeitlupe schiebt sich eine gigantische Seegurke aus weiß lackiertem Metall von rechts nach links in den Hafen. Es ist halb sieben Uhr morgens. Die „Carnival Victory“ parkt rückwärts ein.

Der Hafen von Nassau ist der größte Kreuzfahrthafen der Karibik. Bis zu sieben Kreuzfahrtschiffe können hier auf New Providence nebeneinander vor Anker gehen. Vom Deck des Schiffes weht leise Musik herüber, ein monströser Bildschirm flackert auf dem Oberdeck, und der rote Schornstein ragt aus dem Rumpf empor wie die Flosse eines Wals.

Wenn diese Schiffe an den Wochenenden pro Tag 10 000 Touristen auf die Inselgruppe der Bahamas entlassen, sind das in etwa genau so viele, wie pro Jahr aus Deutschland anreisen. Die ehemalige Kronkolonie Englands ist fest in amerikanischer Kreuzfahrerhand – für viele Amerikaner sind die Bahamas ja so naheliegend wie für die Deutschen Sylt. Trotzdem hat die Wirtschaftskrise 2008 den Tourismus hier getroffen, und die Häuser von Mick Jagger und Nicolas Cage stehen schon seit langem zum Verkauf – zu viel Lärm an der Marina.

Am Ufer des British Colonial Hilton. Müde weht die Nationalflagge im Sand. Grüne Schutzhüllen verstecken die Liegestühle. Aus der Ferne nähert sich nun die „Norwegian Jewel“. Auf dem Gelände dieses Hotels stand einmal ein Fort, angeblich wurden dort acht Piraten aufgehängt, doch seit 1900 befindet sich hier das traditionsreichste Hotel von Nassau. Es hat unter den Tausenden von Gästen gelitten, gibt sich aber alle Mühe, es einem nicht sofort zu zeigen. Ganz oben in der Prime Ministers Suite hat auch mal Prinz Harry gewohnt, sagt uns jemand.

An diesem Strand ging Sean Connery gerne spazieren.

10 Uhr. Ein Polizist in blendend weißer Uniform mit goldenen Epauletten steht vor dem wiederaufgebauten Straw Market, einer Halle, in der es bahamaische Andenken zu kaufen gibt. Ein Mädchen quatscht uns an, ob wir Fake DesignerHandtaschen haben möchten, aber unser Fremdenführer Scott läuft weiter zum Markplatz, wo eine in Stein gemeißelte Königin Victoria über den Verkehr wacht. Die Ladenzeilen reichen nirgendwo weiter als eine Häuserreihe, kein Wunder, die vielen Kreuzfahrer haben oft nur einen Nachmittag zum Bummeln. Scott erzählt uns die Geschichte der Bahamas und spricht von den „Family Islands“, als wären die mehr als 700 Inseln eine Familie. Er beschreibt die Rake-&-ScrapeMusik, die mit selbstgebastelten Instrumenten und alten Sägen gespielt wird, erzählt von den bahamaischen Märchengestalten Bobooki und Barabi, die hier so etwas Ähnliches sind wie bei uns Max und Moritz, dann zeigt er uns die Royal Bank of Canada, die älteste Bank der Bahamas.

Als letztes Jahr erstmals öffentlich darüber nachgedacht wurde, Steuern auf ausländische Geldanlagen zu erheben, ging ein Ruck durchs türkisblaue Meer, von den Cayman-Inseln bis zu den Bahamas. Das sogenannte Offshore Banking – die einen nennen es Geldwäsche, die anderen Finanzdienstleistungen – ist neben dem Tourismus die zweite Säule der hiesigen Wirtschaft; es gibt hier keine Einkommensteuer, ein sicheres Bankgeheimnis sowie einen stabilen Dollarkurs.

Bei der Zentralbank der Bahamas waren im vergangenen Jahr 247 Finanzinstitute registriert, nur 37 von den Bahamas; insgesamt vermuten Finanzexperten, dass weltweit 21 bis 32 Billionen Dollar in Offshorekonten gebunkert sind. Selbst Facebook hat Unterfirmen in der Karibik, und Google machte 2011 im Vereinigten Königreich zwar 2,5 Milliarden Pfund Umsatz, zahlte aber nur sechs Millionen Pfund Körperschaftssteuer. Zehn Milliarden Dollar sollen allein hier liegen, wodurch das Unternehmen etwa zwei Milliarden Steuern pro Jahr spart. Die Bahamas haben aber nicht viel davon, die Arbeitslosenquote liegt bei über 14 Prozent, und in der Steuerperiode 2011/12 gab es ein doppelt so hohes Haushaltsdefizit als vorhergesagt: 504 Millionen Dollar. Größte Einnahmequelle der Regierung sind die Zölle und Importsteuern. Jede Dose Bier, jeder Teller, jeder Badeschlappen unterliegt diesen Einfuhrzöllen, weswegen die vielen Hotels auch nicht mit Zimmerpreisen in beispielsweise Asien konkurrieren können, selbst wenn sie wollten. „Bei einem neuen Mercedes schlägt die Regierung bis zu 200 Prozent drauf, und trotzdem“, seufzt Scott, „gibt es hier einfach viel zu viele Autos.“

Wir fahren mit 25 Meilen pro Stunde die Bay Street hinunter. Sieht man das Meer nicht, es könnte eine Straße auf Mallorca sein, doch dann kommen die typisch rosafarbenen Häuser, die Veranden im Kolonialstil. Hinter einem leeren Cricketfeld erhebt sich ein Betongerippe, das aussieht wie ein gigantischer Meeresschwamm aus Beton. Das ist die Baustelle des chinesischen Großprojektes „Baha Mar“. Wenn es fertig ist, hat die Anlage 3500 Zimmer, 3,5 Milliarden Dollar gekostet und soll dem Wasser-, Spielund Spaßpark Atlantis auf Paradise Island Konkurrenz machen.

Im Radio läuft etwas, das wie Seeed klingt, bis wir merken, dass das gar nicht klingt wie Seeed, sondern dass Seeed so klingen wie die. Eine Stimme singt: „What did we achieve since 1492“, dazu läuft Reggae mit Blechtrommeln. Warmer Wind weht durchs Fenster. Wir halten an einer staubigen Straße vor der Hotelanlage „Compass Point“.

So macht man Conch Salat

Gebaut als Tonstudio, erlangte es Berühmtheit, weil hier Island-Records-Chef Chris Blackwell die Leute aufnahm, die später seinen Ruhm als Musikimpresario begründeten. Wir betreten eine kühle Rezeption und gehen auf eine helle, gemütliche Sonnenterrasse und sehen die kleinen, bunten Häuser, die auf Stelzen stehen und in denen heute auch Leute wohnen, die nicht Gitarre spielen können. Hier erholten sich ACDC vom Tod von Bon Scott und nahmen „Back in Black“ auf, hier sangen Mick Jagger, David Bowie, Grace Jones, Bob Marley, und Robert Palmer wohnte hier. Wir essen Conch Fritters, das sind die Buletten der Bahamas. Sie werden aus dem Fleisch der „Conch“ genannten Riesenmuscheln hergestellt, die einem hier überall angeboten werden, tot oder lebendig.

Abends, 20 Uhr. „Graycliff“. Vier Frauen und ein Mann sitzen vor kleinen Tischen, auf denen sich dunkelbraune, getrocknete Blätter häufen, die aussehen wie dünnstes Kalbsleder. Es riecht leicht muffig. Giobani erklärt uns die Unterschiede der Blätter und erzählt, dass er wie die anderen aus Kuba stammt, dann dreht er für uns eine Presidente Chateau. Pro Tag schafft er 150 Stück. Ein Kollege ist bereits unten im Restaurant, um für die Dinnergäste den Nachtisch zu drehen. Dort treffen wir auch den Besitzer Enrico, einen gemütlichen Italiener, der schon in den siebziger Jahren für Fidel Castro Bier importierte und heute Plantagen in Südamerika besitzt, auf den Bahamas betreibt er das „Graycliff “, eine Mischung aus Hotel, Restaurant, Zigarren-, Schokoladenund Kaffeemanufaktur. Er ist um die siebzig und führt uns durch die viktorianisch luxuriösen Räume, die wirken wie ein vergessener englischer Gentlemen’s Club.

In diesen Pool sprangen schon viele berühmte Leute

Er zeigt uns seinen millionenschweren Weinkeller, und umso länger der Abend dauert, je mehr Geschichten gibt er preis: Wie das damals mit Nicolas Cage und Lisa Marie Presley war und warum sie eine olle Zimtziege ist. Wie sich einmal eine Scheichgattin hier versteckte, dann einmal eine ganze Diktatorenfamilie samt Waffenarsenal. Wie König Olav von Norwegen mal besoffen aufs Zimmer getragen werden musste, wie der Bischof von Canterbury in den Pool flog und dass das Schmuggelgeschäft noch immer blüht, nur werden nicht mehr Sklaven verschifft, sondern Hühner!

Einen Tag später. 17 Uhr. „Atlantis“. Der gigantische Zackenbarsch blinzelt, dann schüttelt er sanft, aber nachdrücklich den Kopf. Er will nicht fotografiert werden. Den zwei Meter langen Fisch umgibt das größte Meerwasseraquarium der Bahamas, über ihm befinden sich 2317 Zimmer und Suiten, eine fünf Kilometer lange Wasserstraße, eine drei Hektar große Lagune, ein Casino, ein Hafen, Tausende Menschen und mehr.

Wir laufen durch „The Dig“, und so schön die vielen Fische auch sind, wir könnten auch in Las Vegas sein oder in Dubai. Heute früh waren wir bereits in einem Tierpark und haben im Kreis laufende Flamingos betrachtet, dann den legendären „Ocean Club“ besucht, wo „Casino Royale“ gedreht wurde, wir haben mit Edward Norton auf ein Taxi gewartet, sind bei brüllender Hitze durch einen Nymphengarten gewandelt, mit betrunkenen Kreuzfahrern Boot gefahren und so müde wie der Riesenzackenbarsch.

19 Uhr. Am Junkanoo-Strand tanzen drei Mädchen im Sand. Eine sieht aus wie Rihanna, die andere wie Beyoncé, die dritte ist dick. Hier treffen sich nach Feierabend die Besatzungen der Kreuzfahrtschiffe, es gibt eine Bar, an der Bier ausgeschenkt wird, und junge halbstarke Typen pusten R & B mit ihrem Ghettoblaster in die Bucht. In der Ferne sehen wir das „Fish Fry“, eine Art Minidorf, wo es nachts laut ist und man sehr gut essen kann. Morgen, sagt jemand, würde alles anders. Dann sähen wir die wahren Bahamas.

Drei Tage später: Der 4th Hole Beach liegt einsam in der Sonne. Hier befand sich einmal ein Resort, das ist aber inzwischen pleite. Wir befinden uns auf der Insel Eleuthera, die von oben aussieht wie ein Seepferdchen, das sich ins Wasser gelegt hat und schläft. Wellen schlagen an den Strand. An einem Baum hängt eine Schaukel. An diesen Strand kommen die Schüler des Cape-Eleuthera-Instituts, um abzuhängen, zu knutschen, Bier zu trinken, erzählt uns Caleb. Wir sind hier, um zu schnorcheln. Das Institut, bei dem er arbeitet, ist eine Mischung aus Internat, Forschungszentrum und Öko-Resort. Fast nur junge Menschen unter dreißig arbeiten in verschiedenen Gebieten, die alle mit Nachhaltigkeit zu tun haben.

Sie forschen an Rochen, bauen Salat in schwebenden Gärten an, recyceln das Frittenfett von den Kreuzfahrtschiffen zu Biodiesel, veröffentlichen wissenschaftliche Arbeiten und haben das größte Sonnenkollektordach der Insel gebaut. Erlaubt ist das Einspeisen von eigenem Strom ins Netz aber nicht. Zwar sind mit 42 Cent pro Kilowattstunde die Stromkosten mit die höchsten in der Karibik, aber die bahamaische Regierung schwört lieber auf die Einnahmen aus der Energiesteuer.

Eine Gallone Diesel kostet hier 5,20 Dollar, ein weiterer Grund, warum bahamaische Hotelkosten im weltweiten Vergleich nicht günstig sein können. Eleuthera ist eine ruhige Insel, dennoch gibt es hier drei internationale Flughäfen und unzählige Kirchen für die knapp elftausend Einwohner – allein in Governor’s Harbour stehen den 1200 Einwohnern fünf zur Auswahl.

Wir waren in einem dieser Sonntagsgottesdienste und haben mitgesungen, haben Privathäuser angesehen, die man für die Ferien mieten kann. Wir haben bei einem grummeligen Österreicher in dessen Strandbar „Tippy’s“ gegessen, wurden von Sandf löhen zerbissen und übernachteten in Condos, wir haben auch das traditionelle Bahamasfrühstück Graupen und warmen Fisch genossen, sind mit Autos kreuz und quer über die Insel gefahren, waren nebenan auf Harbour Island an rosafarbenen Stränden, haben Buschmedizinpflanzen studiert und Kolibris gesucht, und vorhin lernten wir im Cape-Eleuthera-Institut, dass es neben den Casuarina-Bäumen, die hier überall die Strände befallen, noch eine andere natürliche Plage gibt – den Rotfeuerfisch.

Keiner will ihn haben: den Rotfeuerfisch

Dieser gestreifte und getüpfelte Fisch kommt eigentlich aus dem Indopazifik und frisst hier mangels natürlicher Fressfeinde in Ruhe die Riffe leer und vermehrt sich rasend schnell. Wenn wir den sehen würden, warnt Caleb, nicht anfassen, das Tier hat einen Giftstachel, aber vor allem auf die Stechkorallen aufpassen! Dann stürzen wir uns ins Meer. Nach einer Stunde sitzen wir wieder am Strand. Kein Rotfeuerfisch. Nur eine Stechkoralle. Macht nichts. Es ist nett hier. Schön ruhig.

Einen Tag später: auf Windermere Island. Hamburger brutzeln auf dem Grill, in der Glut gart ein Hummer. Unsere Handtücher hängen auf umgekippten, weißen Baumgerippen, vor uns das Meer. Das war der Lieblingsstrand von Lady Diana, erzählt uns Julius, der vier Stunden mit uns und seinem Boot durch Mangrovenhaine und die karibische See geschippert ist. Jeden Tag macht er diese Touren für Angler, für Familien. Er holt tatsächlich Wasserschildkröten aufs Boot, die die Kinder dann streicheln dürfen, er lässt seine Gäste nach Conch-Muscheln tauchen, zeigt ihnen Seesterne und abgestürzte Flugzeugwracks, die im Wasser vor sich hin gammeln.

Nun gibt es Mittagessen. Als wir in die Hamburger beißen, grübele ich, was das Besondere an den Bahamas ist. Es ist schön hier, aber es gibt freundlicheren Service in Vietnam, buntere Korallen auf den Malediven, wildere Natur in Südafrika, deutlich schönere Kolonialmachthotels in Kent, genauso tolles Wetter könnte man auch auf Mallorca erwischen, und Luxus findet man überall auf der Welt, meist günstiger. Würde mich später jemand zu Hause fragen, warum er herkommen soll, will mir nur Enrico einfallen. Oder der Zackenbarsch.

Den könnte man aus dem Spaßpark entführen und ins Meer zurückbringen, man müsste nur so wie Daniel Craig als James Bond mit einem schicken Auto an Compass Point vorbeirauschen, im „Ocean Club“ einchecken, sich mit Enrico ein paar Haudegen organisieren und dann mit einer blauen Badehose ins Wasser springen. Ja, ein Abenteuer auf den Bahamas. Das wäre wie im Film.

AREZU WEITHOLZ