(erschienen 2000, im Feuilleton, Süddeutsche Zeitung)

Und immer ist der Himmel so weit und so groß

Urlaub in Südafrika: Eine deutsche Touristin will ihr Visum verlängern lassen – und kommt ins Gefängnis

Es stinkt. Nach Schweiß, nach Pisse und nach Moder. Der Geruch ist penetrant, betäubt die Nase. So also riecht der Knast in Afrika – nach allem, und irgendwann nach gar nichts mehr. Im Halbdunkel der Zelle sitzen vier Frauen, auf zerschlissenen, grauen Decken. Die Tür fällt zu. Aus meiner Handtasche hole ich die Schokolade von heute morgen und eine angebrochene Schachtel Zigaretten und biete beides an. Ich bin die Neue, und – anders als sie – bin ich weiß. Sie verstehen, sie lächeln. Vielleicht wird’s doch nicht so schlimm wie im Kino. Bis jetzt war alles wie im Film. Wie in einem guten, grausamen Film.

Wenn eine deutsche Touristin im Frauenknast in Südafrika landet, an der Grenze zu Lesotho, ist sie selber schuld oder extrem blöd. Ich muss blöd sein, denn mir will nicht einleuchten, woran ich schuld sein soll: Urlaub in Südafrika. Zum achten Mal. Elefanten und Pinguine. Stundenlange Autofahrten durch die Karoowüste. Weiße Wolken, die in Zeitlupe über Berge fallen wie Wasserfälle aus Watte. Und immer ist der Himmel so weit und so groß und so wunderschön, dass man meint, der in Europa sei nur eine schwarzweiße Kopie.

Ich werde krank. Grippe gibt’s auch in Afrika, hier in einer entlegenen Gegend, in den Bergen an der Grenze zu Lesotho, zehn Autostunden von Kapstadt und vier von Johannesburg entfernt. Anfang Januar bin ich wieder gesund, leider zu spät für meinen Rückflug. Das Visum ist abgelaufen. Was Ärger geben kann – egal, ob in New York, Berlin oder eben in Franshoek. Es gibt zwei Möglichkeiten: Man fährt kurz über die Grenze nach Lesotho, reist wieder ein und hat ein neues Visum. Das ist strafbar. Korrekt ist der andere Weg: zum nächstgelegenen Einwohnermeldeamt, dem Department of Home Affairs (DHA), nach Bethlehem zu fahren und bei Vorlage eines bezahlten Rückflugtickets oder der Referenznummer sowie seines Passes das Visum verlängern zu lassen.

In der Halle des DHA-Gebäudes, eines Plattenbaus mit Gitterfenstern, gibt es vier Schalter. Davor drängeln sich um 12 Uhr mittags etwa zweihundert Menschen. Es ist laut und heiß. Mehr als ein Drittel der schwarzen Bevölkerung ist noch immer nicht registriert. Die meisten warten auf den ersten Ausweis ihres Lebens. Nach vier Stunden bin ich dran. Der Beamte nimmt meinen Pass, starrt ihn an, geht ins Hinterzimmer und kümmert sich nicht weiter um mich.

Nach einer halben Stunde führt mich jemand in das Büro hinter den Schaltern. Hier stehen lauter Beamte herum, die meisten sind weiß. Sie trinken Kaffee, unterhalten sich. Ämter sind überall gleich. An den Wänden hängen die gleichen Tierkalender wie in Hamburg. Die Frau, die sich mit mir unterhalten will, sitzt in einem kleinen Büro mit drei leeren Schreibtischen. Auf ihrem Tisch liegt ein Buch: „Learning English, Advanced Vol. II.“ Vielleicht versteht sie mich.

Auch sie betrachtet meinen Pass, studiert eingehend alle Visa, und dann meint sie, sie müsse eine Akte anlegen, denn solange ihr Boss nicht da sei, könne sie mir nicht helfen. Sie hält mir ein Formular unter die Nase. Illegaler Status anerkannt? Klar, deswegen bin ich hier. Dann füllt sie ein weiteres aus, eine „Quittung für den Gefangenen“. Ich halte das für einen Scherz. Inzwischen ist es fünf, und ein schlaksiger, gutgelaunter junger Mann kommt herein. Edward, ein Schwarzer. Der Boss. „How are you?“, fragt er, und ich erkläre ihm meine Situation. Edward lächelt: Klar doch, kümmert er sich drum. Dann lässt er sich alle Daten meines Rückflugtickets geben und verschwindet, um zu telefonieren. Später erfahre ich, dass er das Reisebüro genau so wenig angerufen hat wie die Fluggesellschaft.

Um halb sechs befördert mich ein zwei Meter großer Grenzschutzbeamter nach draußen. Bevor ich schreien oder weglaufen oder auch nur darüber nachdenken kann, schubst mich der Riese in einen roten Lieferwagen und schließt die Tür. Wir fahren über Land, ich sehe die Büsche, die Hügel, die Berge, die ich so liebe. Niemand spricht mit mir. Schon gar nicht Englisch. Brüllen hilft nichts. Die Türen sind verschlossen. Und selbst, wenn ich weglaufen könnte, wohin? Ohne Pass, ohne Geld, ohne Handy, zu Fuß.

Dreißig Minuten später parkt der Gefangenentransport am Ortseingang von Fouriesburg. Die Polizeistation und das Gefängnis liegen gegenüber des Townships, beinahe alle Häftlinge kommen aus dem Wellblechbarackendorf. Sie sitzen wegen Mord, Schlägereien, Einbruch, Diebstahl; die meisten wegen „Dacha“, so nennen sie Marihuana.

Die Zelle ist drei mal drei Meter groß. Am Fenstergitter trocknen Schlüpfer, frisch gewaschen. Neben dem Klobecken stehen vier Paar Schuhe, rosa Sneakers, braune Lackschuhe, Plastiklatschen und ein Paar schwarzer Sandalen, daneben ist mein „Bett“, eine der fünf verlausten Decken. Es ist kalt. Es gibt keine Möbel, kein Waschbecken. Auf einem Steinsims stehen ein Eimer, ein paar Blechbecher und eine Rolle Klopapier. Der Boden ist aus Beton und schmutzig. Es ist zu dunkel, um Kakerlaken auszumachen. Aber man sieht die Graffitti an den Wänden, krude Malereien aus braunrotem Blut. „Jehovae Molisaoma“ steht unter Figuren, die Schweinsköpfe tragen. Sie erinnern mich an Charles Mansons Helter-Skelter-Mist.

Ich habe Durst, aber in dem blauen Plastikeimer mit dem Trinkwasser schwimmen Mücken und vermutlich noch anderes Gewürm. Wenn man mit einem Feuerzeug hineinleuchtet, sieht man am Boden graue Schlieren. Die vier anderen Frauen machen es sich so bequem, wie es eben geht. Die Mollige heißt Jeanette und ist 21. Sie hat letztes Wochenende eine Geliebte ihres Freundes krankenhausreif geprügelt. Als die Männer in der Zelle nebenan etwas auf Suthu brüllen, ruft sie zurück und lacht kehlig. Das geht die ganze Nacht so. Brüllen und Zurückbrüllen, Call and Response, wie beim Blues.

Neben ihr sitzen Vivienne, 17, die jüngste, und Getrud, 43, die älteste. Vivienne trägt ein weißes Spitzentop und sonst nichts. Sie sitzt wegen Einbruchdiebstahls. Gertrud, in einem bunten, handbemalten Kaftan, wartet seit anderthalb Monaten auf ihren Gerichtstermin. Sie hat Weihnachten und Silvester hier verbracht. Manche warten bis zu zwei Jahre auf ihre Verhandlung, denn die Gerichte im Freestate sind so überlastet wie überall in Südafrika; und wenn es nicht wirklich drängt, wird ein Fall immer und immer wieder vertagt. Getrud sitzt wegen Dacha. Ihr Kopftuch verbirgt dünne Rastalocken, sie hat kaum noch heile Zähne. Sie wiegt nicht mehr als 45 Kilo, aber sicher war sie einmal ein sehr schöne Frau.

Die vierte sitzt im Halbdunkel und spricht kein Wort, mit niemandem, die ganze Nacht nicht. Die Männer von nebenan brüllen nun lauter, und dazu stampfen sie mit den Füßen auf den Boden und schreien: „White Lady, white lady, come to us.“ Gertrud schüttelt lachend den Kopf: „Bad men, very bad men.“ Es ist so laut, dass man nicht schlafen kann; so, als würden sie nebenan die Zelle zertrümmern. Sie singen: „Malela kamiso. Ole Qaui so.“ Sie klatschen und stampfen mit den Füssen. „Malela kamiso. Ole Qaui so.“ Ihr Lärm klingt wie hundert Trommeln, die man mit Eisen schlägt, denn ihre Füße und ihre Hände sind angekettet.

Gegen elf schließt jemand die Tür auf, zählt durch und verschwindet wieder. Die Männer nebenan brüllen nun noch lauter: „White Lady, white lady, I want to fuck you tonight.“ Ich ziehe meinen Hut auf und drücke ihn so fest auf meinen Kopf, dass er über die Ohren geht, aber ich höre noch immer alles. Dann wird wieder die Zellentür geöffnet. Captain Hugo, der einzige weiße Polizist der Station, holt mich in sein Büro.

Vor ihm steht eine Tupperbox mit Nudeln, Mett und Mais. Er würde mich ja gerne freilassen, sagt er, dürfe das aber nicht. Das alles täte ihm sehr leid, er habe seine Frau angerufen, das hier sei etwas zu essen für mich. Nicht alle seien böse in Südafrika. Ich darf telefonieren, aber der Anrufbeantworter der Deutschen Botschaft gibt nur eine Notarztnummer an. Vor morgen früh bin ich hier nicht raus.

Mir ist kalt, ich huste, stinke und jetzt muss ich doch heulen. Ich will mein Handy, ich will meine Kreditkarte, ich will meinen Pass. Ich will ein Glas Jack Daniels auf Eis, und vor allem will ich eins: nach Hause. Frühstück gibt es morgens um sechs. Eine Waschwanne mit Milchkaffee, in der nur wenige Fliegen herumschwimmen. Ich tauche meinen Blechbecher hinein. Der Kaffee ist heiß und süß. Fünf Blechteller mit lauwarmem Milli-Pop stehen auf dem Betonboden, einer für jeden. Ein Stapel Weißbrot – teilen. Der schwarze Polizist der Frühschicht bittet mich mehrmals, etwas zu essen. „This is all you get in one day, you must eat. Please.“

Man darf duschen, kalt, ohne Handtuch, und alle können zusehen. Ich verzichte. Um acht ruft eine Frau von der Botschaft an. Ich kann deutsch sprechen. Erlösung. Beinahe. Ich erzähle meine Geschichte, inzwischen kann ich sie in einer Minute runterbeten, und ich bitte sie, mich hier rauszuholen. Sie sagt, ich solle mich kooperativ verhalten. Gegen neun stehen die DHA-Beamten wieder vor der Tür und wollen mich mitnehmen. Deportieren, sofort, ab nach Pretoria. Ohne Gepäck, ohne Geld. Ich muss Zeit gewinnen. Meine Freunde aus Franshoek haben hoffentlich etwas unternommen.

Bisher war ich sachlich, freundlich, kooperativ. Jetzt bin ich renitent. Die Polizisten in Fouriesburg kichern, weil ich nun die Zelle nicht verlassen will. Sie mögen mich und den Hut, den ich trage, ein roter Stoffhut mit dem Emblem der beliebtesten schwarzen HipHop-Band in Südafrika: TKZee. Um zehn ist Edward, der DHA-Boss, am Telefon. Ich müsse in seinem Büro in Bethlehem erscheinen, und dann würde man sehen, was man mit der Deutschen Botschaft aushandeln könne. Entweder Freitag oder Mittwoch würde ich dann ausgewiesen. In jedem Fall sei eine Geldstrafe fällig.

Um zwei Uhr nachmittag am Dienstag, 26 Stunden, nachdem ich das DHA erstmals betreten habe, bin ich wieder dort. Wieder Hunderte von Menschen vor den Schaltern. Meine Freunde sind da. Sie halten ein Entschuldigungsfax des Präsidenten des DHA in der Hand. Edward, der Boss, liest es. Auf seinem Schreibtisch sehe ich ein weiteres Fax, die Bestätigung meines Flugtickets. Ich weiß nicht, wie lange es dort gelegen hat. Ich will es auch nicht wissen. Ich bin frei.

An der Tankstelle in Bethlehem hängt ein Plakat. „Ein Tourist – acht Arbeitsplätze“.

AREZU WEITHOLZ